Nehmen Demenzerkrankungen zu?

Mit zunehmender Lebenserwartung wird mit einer Zunahme von Demenzerkrankungen gerechnet. Kürzlich vorgenommene Schätzungen lassen aber eher eine Abnahme vermuten. Kann dieser beobachtete Trend bestätigt werden? Zeitliche Verläufe von Erkrankungen lassen sich am ehesten an einem Kollektiv, das über einen längeren Zeitraum unter definierten Diagnosekriterien begleitet wird, erkennen. Die Autoren der Studie haben jetzt die temporalen Verläufe für Demenzerkrankungen über drei Jahrzehnte an einer Teilgruppe der Framingham-Studie analysiert.

Der kognitive Status der Studienteilnehmer (überwiegend europäischer Abstammung) wird seit 1975 kontinuierlich in Hinsicht auf das Auftreten dementieller Symptome überwacht. In die Auswertung konnten 5205 Personen im Alter von 60 und mehr Jahren einbezogen werden. Die Inzidenz einer Demenzerkrankung wurde in 4 Fünf-Jahresperioden ermittelt. Gleichzeitig wurden Geschlecht, Alter, Apolipoprotein ε4-Status (ein genetischer Risikofaktor für eine Alzheimersche Erkrankung)  und die Ausbildungshöhe berücksichtigt. 

Über den Beobachtungszeitraum trat bei 371 Studienteilnehmern eine Demenzerkrankung auf. 

Das kumulative Fünf-Jahresrisiko betrug für die erste Periode (späte 70iger und frühe 80iger Jahre) 3,6%, für die zweite Periode (späte 80iger und frühe 90iger Jahre) 2,8%, für die dritte Periode (späte 90iger und frühe 2000er Jahre) 2,2% und für die vierte Periode (späte 2000er und frühe 2010er Jahre) 2,0%. Im Verhältnis zur Inzidenz der ersten Periode nahm die Inzidenz von Demenzerkrankungen um 22%, 38% und 44% in den nachfolgenden Perioden ab. Im Untersuchungszeitraum nahmen auch die meisten vaskulären Risikofaktoren, mit Ausnahme von Diabetes und Adipositas, die zunahmen, ab.  Dabei wurde auch ein rückläufiger Trend bei kardiovaskulär ausgelösten Erkrankungen beobachtet.

Eine weitere Daten-Analyse zeigte, dass die Abnahme des Demenz-Risikos nur bei den Teilnehmern beobachtet werden konnte, die wenigstens ein High-School-Diplom (Odds Ratio [Riskoverhältnis] 0,77; 95% Konfidenzintervall 0,67 bis 0,88) besaßen.

Die Autoren schließen aus ihrer Untersuchung, dass die Demenz-Inzidenz im Verlauf von drei Jahrzehnten abgenommen hat. Die Ursachen, die zur Abnahme geführt haben, konnten nicht geklärt werden.

Kommentar:

Der Rückgang der Herz- und der Schlaganfall- Erkrankungen wird allgemein mit dem Rückgang des Rauchens, einer verbesserten Behandlung des Diabetes, von Lipidstörungen und allgemeinen Verbesserungen des Lebensstils in Zusammenhang gebracht. Die Ergebnisse epidemiologischer Untersuchungen lassen vermuten, dass diese Veränderungen auch die Entwicklung von Demenzerkrankungen beeinflusst haben. Die Prävalenz der Demenzerkrankungen ist zur Planung von Versorgungseinrichtungen von weltweitem gesellschaftlichen Interesse. Die Framingham-Studie bietet den Vorteil, dass die Studienteilnehmer seit 1975 kontinuierlich begleitet und nach definierten und gleichbleibenden Kriterien auf das Vorliegen einer dementiellen Erkrankung untersucht werden. Die so gewonnenen Ergebnisse sind „robust“ und weisen auf einen rückläufigen Trend bei der Inzidenz von Demenzerkrankungen hin, der mit dem Rückgang kardiovaskulärer Erkrankungen assoziiert ist. Dieser Trend wurde nur bei Studienteilnehmern, die wenigstens ein High-School-Diplom besaßen, beobachtet. Bildung scheint, das kardiovaskuläre und das Demenz-Risiko zu beeinflussen.

Die Ergebnisse der Framingham-Studie werden durch weitere Untersuchungen gestützt. Die Rotterdam-Studie, in der die Inzidenz von Demenzerkrankungen zwischen den Jahren 1990 und 2000 verglichen wurde, weist bei fehlender statistischer Signifikanz einen Abfall von 25% auf. Weitere Studien aus den USA, England und Schweden zeigen unter Bezugnahme auf Prävalenzdaten ebenfalls einen Rückgang von Demenzerkrankungen. In einer Schweizer Autopsie-Studie, in der 1599 Gehirne von Personen im Alter von 65 und mehr Jahren über drei Jahrzehnte (1972-2006) untersucht wurden, konnte auch ein Rückgang von Amyloid-Ablagerungen nachgewiesen werden.

Trotz des in den letzten Jahrzehnten beobachteten Rückganges der Demenzerkrankungen in den westlichen Industrieländern wird weltweit bei steigender Lebenserwartung ein Anstieg von Demenzerkrankungen vor allem dort erwartet, wo vaskuläre Risikofaktoren (Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Adipositas) bei steigender Lebenserwartung nicht ausreichend kontrolliert werden. Eine steigende Diabetes- und Adipositas-Prävalenz könnte auch in den westlichen Ländern den positiven Trend unterbrechen und möglicherweise sogar umkehren. Die bisher vorhandenen Daten lassen erkennen, dass eine im frühen Lebensalter beginnende, optimale Gesundheitspflege einen positiven Einfluss auf die späteren kognitiven Funktionen besitzt. Besonders frühe präventive Maßnahmen dürften der Schlüssel sein, um den Anstieg nicht nur von Demenz-, sondern auch von kardiovaskulären Erkrankungen weiter abzuschwächen.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Satizabal, CL et al. Incidence of Dementia over Three Decades in the Framingham Study. N Engl J Med 2016 Feb 11; 374(6): 523-32
Schrijvers, EM et al. Is dementia incidence declining? Trends in dementia incidence sind 1990 in the Rotterdam Study. Neurology 2012 May 8; 78(19): 1456-63
Rocca, WA et al. Trends in the incidence and prevalence of Alzheimer’s disease, dementia, and cognitive impairment in the United States. Alzheimers Dement 2011 Jan; 7: 80-93
Matthews, FE et al. A two-decade-comparison of prevalence of dementia in individuals aged 65 years and older from three geographical areas of England: results of the Cognitive Function and Ageing Study I and II. Lancet 2013 Oct 26, 382(9902): 1405-12
Qiu, C et al. Twenty-year changes in dementia occurrence suggest decreasing incidence in central Stockholm, Sweden. Neurology 2013 May 14; 80(20): 1888-94
Kövari, E et al. Amyloid deposition is decreasing in aging brains: an autopsy study of 1,599 older people. Neurology 2014 Jan 28; 82(4): 326-31

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