Führt die pränatale Einnahme von SSRIs zu Depressionen bei heranwachsenden Kindern?

Welchen Einfluss hat die Einnahme von selektiven Serotonin-Re-Uptake-Inhibitoren (SSRIs) während der Schwangerschaft auf die kindliche neurologische Entwicklung? Elf Studienautoren haben versucht, auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Sie bedienten sich hierzu der Daten des nationalen finnischen Gesundheitsregisters zwischen 1996 bis 2010. Schwangere Frauen und ihre Kinder wurden in 4 Gruppen eingeteilt: SSRI exponiert (n=15.729); psychiatrisch erkrankt, keine Antidepressiva (n=9.651); SSRI exponiert nur vor der Schwangerschaft (n=7.980); nicht SSRI exponiert und keine psychiatrischen Erkrankungen (n=31.394). Die kumulative Erkrankungs-Inzidenz von Depressionen, Angststörungen, Autismus Spektrum Störungen (ASD) und Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitäts-Störungen (ADHD) wurde vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Alter von 14 Jahren verfolgt.

Die kumulative Inzidenz für Depressionen betrug für die einzelnen Gruppen:

8,2% bei den Nachkommen der Mütter (n=15.729), die 30 Tage vor Schwangerschafts-Beginn bis zur Geburt SSRIs eingenommen hatten, 2,8% bei den Nachkommen der Mütter (n=7980), die bis ≥30 Tage vor der Schwangerschaft SSRIs eingenommen hatten,
1,9% bei den Nachkommen der Mütter (n=9651), die unter mit Depressionen verbundenen psychiatrischen Erkrankungen litten, aber keine Antidepressiva oder Antipsychotika eingenommen hatten, 1,6% bei den Nachkommen der Mütter (n=31.394, Kontroll-Gruppe), die unter keinen psychiatrischen Störungen litten und keine Antidepressiva oder Antipsychotika eingenommen hatten.

Die Erkrankungsraten für Angststörungen, ADHD und ASD in den einzelnen Gruppen waren mit denen von Müttern vergleichbar, die unter psychiatrischen Störungen litten, aber keine Medikamente eingenommen hatten.

Die pränatale SSRI-Exposition scheint, das Depressions-Risiko der Nachkommen im Jugendalter zu erhöhen, nicht aber das Risiko für ASD und ADHD.

Kommentar:

Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen und besitzen einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität. Der Serotonin-Transporter (5-HTT) scheint, ein wichtiger Regulator der emotionalen Entwicklung zu sein. Er ist das molekulare Ziel vieler Antidepressiva, vor allem aber der SSRIs, die heute als erste Wahl zur Behandlung von Depressionen gelten. Klinische Studien, die sich mit dem Einfluss von SSRIs, die während der Schwangerschaft eingenommen werden, auf die Nachkommenschaft befasst haben, konnten bisher keine gröberen Entwicklungsstörungen nachweisen. Die Autoren waren allerdings über mögliche Spätfolgen besorgt. In tierexperimentellen Studien an Mäusen konnten von Ansorge et al. zeigen, dass Mäuse mit einem oder zwei funktionierenden Serotonin-Transporter-Allelen, die postnatal Fluoxetin erhielten, an Angst- und Depressions-ähnlichen Störungen erkrankten. Dies galt auch für Mäuse ohne ein Serotonin-Transporter-Allel, die kein Fluoxetin erhalten hatten. In einer prospektiven Longitudinal-Studie an einer Geburtskohorte wiesen Caspi et al. nach, dass ein Polymorphismus in der Promoter Region des Serotonin-Transporters-Gens (5-HTT-Gen) die Genese von Depressionen im Verlauf stressreicher Lebensereignisse beeinflusste. Individuen mit zwei Kopien eines kurzen Allels des 5-HTT-Gens scheinen, für Depressionen anfälliger zu sein als Individuen, die mit einem homozygoten langen Arm des 5-HTT-Gens ausgestattet sind. Die aktuellen Ergebnisse von Malm et al. lassen jetzt vermuten, dass die Einnahme von SSRIs bei Schwangeren das vorhandene genetische Risiko beeinflusst und zu einer dauerhaften Verschiebung des Serotonin-Transporter-Systems in die Richtung von Depressions- und Angststörungen führt. Es konnte keine Verbindung zu Autismus-Spektrum-Störungen hergestellt werden, was durch die Ergebnisse einer älteren Studie von Hviid et al. bestätigt wird.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Malm, H et al. Gestational exposure to selective serotonin reuptake inhibitors and offspring psychiatric disorders: A national register-based study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2016 Mar 2 (epub)
Ansorge, MS et al. Early-Life Blockade of the 5-HAT Transporter Alters Emotional Behavior in Adult Mice. Science 2004 Oct 29; 306(5697): 879-81
Caspi, A et al. Influence of Life Stress on Depression: Moderation by a Polymorphism in the 5-HTT Gene.
Science 2003 Jul 18; 301(5631): 386-9
Hviid, A et al. Use of Selective Serotonin Reuptake Inhibitors during Pregnancy and Risk of Autism. N Engl J Med 2013 Dec 19; 369(25): 2406-15

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