Beratung

Verändert Paracetamol unsere Empathie-Fähigkeit?

Unter Empathie wird die Fähigkeit verstanden, die Sorgen und Nöte anderer Menschen zu empfinden. Sie bildet eine der Voraussetzungen sozialer Interaktionen mit Freunden, Familienmitgliedern, Mitarbeitern und Fremden. Unter den verschiedenen Formen der Empathie ist das Mitgefühl mit den Schmerzen der anderen von besonderer Bedeutung und gilt als Auslöser prosozialer Handlungsweisen. Funktionelle Magnetresonanz-Studien (fMRI) lassen vermuten, dass die Beobachtung des Schmerzes bei anderen Menschen eigene Hirnregionen (anterior cingulum Cortex (ACC) und die anteriore und mittlere Insel (AI; MI), die sich mit der Hirn-Aktivierung bei eigenen Schmerzen überschneiden und mit ihnen verbunden zu sein scheinen, aktivieren. Die Empathie für die Schmerzen anderer scheint, in der Hirnrinde ähnlich neurologisch repräsentiert zu sein, wie die eigenen Schmerzen. Mit ihrer aktuellen Untersuchung haben die Autoren versucht, die vorhandenen fMRI-Befunde durch testpsychologische Untersuchungen zu ergänzen. Pharmakologische Interventionen zur Schmerzbehandlung bieten sich als Möglichkeit an, die psychologische Gemeinsamkeit zwischen Empathie und persönlicher Schmerzerfahrung auf einer weiteren Ebene zu untersuchen. Führt eine allgemein bekannte, häufig eingenommene, schmerzlindernde Substanz wie Paracetamol zu einer verminderten Empathie für die Schmerzen anderer?

In zwei randomisierten, doppelblind Plazebo-kontrollierten Parallel-Studien wurde der Einfluss von Paracetamol auf die Empathie der Versuchsteilnehmer (n=80, mittleres Alter 19,4 Jahre, SD±1,44) untersucht. In zwei Experimenten wurde der empfundene Schmerz und die Empathie der Probanden auf definierte Szenarien (Text, Bild und Ton), in denen der Schmerz anderer dargestellt wurde, ermittelt.

Mit den Ergebnissen konnten die Untersucher den vermuteten Zusammenhang zwischen dem eigenen Schmerzempfinden und der Empathie bestätigen. Paracetamol mindert nicht nur den eigenen Schmerz, sondern auch die Empathie gegenüber den Schmerzen anderer. Unter Paracetamol wurden auch dargestellte Explosionsgeräusche als weniger unangenehm wahrgenommen.

Zusammengenommen zeigen die Ergebnisse, dass Paracetamol nicht nur den Schmerz lindert, sondern auch einen Einfluss auf die Molekularbiologie der Empathie und damit auf das Empathie-Verhalten ausübt.

Kommentar:

Können wir Empathie mit Paracetamol und vielleicht auch mit anderen Schmerzmitteln pharmakologisch manipulieren? Wie groß ist die Relevanz der Ergebnisse für den Alltag? Die vorhandenen Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass das Empathie-Verhalten auf neuronalen Prozessen beruht, die mit den eigenen emotionalen Erfahrungen äquivalent sind. Kürzlich konnten Rütgen et al. nachweisen, dass auch eine Plazebo-Analgesie die Empathie mindert. Dieser Effekt kann durch die Gabe eines Opium-Antagonisten (Naltrexon) blockiert und damit das Empathie-Verhalten normalisiert werden. Die Empathie für Schmerzen anderer gründet möglicherweise auf den eigenen Schmerzerfahrungen.

Auch die aktuellen Ergebnisse von Mischkowski et. lassen einen möglichen Zusammenhang zwischen Paracetamol und der Empathie der Probanden erkennen. Die Auswirkungen von Paracetamol auf den empathischen Effekt waren jedoch in den einzelnen Experimenten nicht immer signifikant. Deshalb wurde mit einer Meta-Analyse ein spezielles statistisches Verfahren zur Messung der gesamten Effektstärke (Hedges’ g) angewandt, mit dem dann ein allgemeiner signifikanter Zusammenhang nachgewiesen werden konnte. Dies könnte ein Hinweis auf eine geringe klinische Effektstärke sein.

In Anbetracht der Tatsache, dass Millionen Menschen regelmäßig Paracetamol gegen Befindlichkeitsstörungen und Schmerzen einnehmen, sind die aktuellen Ergebnisse aber nicht trivial. Wir wissen noch zu wenig darüber, inwieweit Analgetika unsere soziale Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Mischkowski, D et al. From painkiller to empathy killer: acetaminophen (paracetamol) reduces empathy for pain. Soc Cog Affect Neurosci. 2016 May 5 (epub ahead of print)
Rütgen, M et al. Reduction of empathy for pain by placebo analgesia suggests functional equivalence of empathy and first-hand emotion experience. J Neurosc. 2015 Jun 10; 35(23): 8983-47
Rütgen, M et al. Placebo analgesia and its opioidergic regulation suggest that empathy for pain is grounded in self pain. Proc Natl Acad Sci USA. 2015 Oct 13; 112(41): E5638-46

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