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Erhöht ein Schädel-Hirn-Trauma das Suizid-Risiko?

Schädel-Hirn-Traumen (SHT) können schwerwiegende Langzeitfolgen haben und zu psychiatrischen Störungen führen. Nur in wenigen Studien wurde der Zusammenhang zwischen einem SHT und dem Selbstmord-Risiko untersucht. Die bisherigen Ergebnisse lassen einen möglichen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen vermuten. Dänische Autoren haben diese Frage im Rahmen einer großen Populations-Studie erneut aufgegriffen.

Mit einer retrospektiven Kohorten-Studie wurden landesweite Register, die 7.418.391 in Dänemark zwischen 1980-2014 lebende Personen (≥ 10 Jahre) mit 164.265.624 Personenjahren Follow-Up erfasst. Hiervon hatten 567.823 (7,6%) Personen einen medizinischen Kontakt wegen eines SHT. Die Daten wurden mit Hilfe der Poisson-Regression ausgewertet. Relevante Kovariable wie Schädelfrakturen, psychiatrische Diagnosen und absichtliche Selbstverletzungen wurden berücksichtigt. Die Schwere des SHT wurde im Nationalen Patientenregister (1977-2014) als leichtes SHT (Gehirnerschütterung), als Schädelfraktur ohne traumatische Hirnverletzung und als schweres SHT mit Hinweisen auf eine strukturelle Hirnschädigung (Kontusion) geführt. Ergebnisziel war die Erfassung eines im dänischen Todesfallregister bis zum 31. Dezember 2014 dokumentierten Suizids.

Ergebnisse: Von 34.529 Personen, die durch Selbstmord starben (mittleres Alter 52 Jahre; SD ± 18 Jahre, 32,7% Frauen, absolute Rate 21 pro 100 000 Personenjahre (95% KI 20,8-21,2), hatten 3.536 (10,2%) einen medizinischen Kontakt wegen eines SHT. Davon 2701 mit einem leichten SHT (Gehirnerschütterung), 174 mit Schädelbruch ohne dokumentiertes Hirntrauma und 661 mit einem schweren SHT. Die absolute Selbstmordrate betrug 41 pro 100.000 Personenjahre (95% KI 39,2-41,9) bei Personen mit einem SHT im Vergleich zu 20 pro 100.000 Personenjahre (95% KI 19,7-20,1) bei Personen ohne SHT. Die bereinigte Suizid-Inzidenzrate (IRR; incidence rate ratio) betrug 1,90 (95% KI 1,83-1,97). Verglichen mit Personen ohne SHT war das schwere SHT (absolute Rate 50,8 pro 100 000 Personenjahre, 95% KI 46,9-54,6) mit einer IRR von 2,38 (95% KI 2,20-2,58) verbunden. Das leichte SHT (absolute Rate 38,6 pro 100 000 Personenjahre 95% KI 37,1-40,0) und der Schädelbruch ohne dokumentierte Hirnverletzung (absolute Rate 42,4 pro 100 000 Personenjahre, 95% KI 36,1-48,7) waren mit einer Suizid-IRR von 1,81 (95% KI 1,74-1,88) respektive einer IRR von 2,01 (95% KI 1,73-2,34) verbunden. Das Selbstmordrisiko war auch mit der Anzahl medizinischer Kontakte verbunden: Für 1 SHT-Kontakt betrug die absolute Rate 34,3 pro 100.000 Personenjahre (95% KI 33,0-35,7), die Suizid-IRR 1,75 (95% KI 1,68-1,83), für 2 SHT-Kontakte betrug die absolute Rate 59,8 pro 100 000 Personenjahre (95% KI 55,1-64.6), die Suizid-IRR 2,31; 95% KI 2,13-2,51) und für 3 oder mehr SHT-Kontakte betrug die absolute Rate 90,6 pro 100 000 Personenjahre (95% KI 82,3-98,9), die Suizid-IRR 2,59 (95% KI 2,35-2,85). Alle Suizid-IRR waren auf dem Niveau von P < 0,001 signifikant. Verglichen mit der allgemeinen Bevölkerung war die zeitliche Nähe zum letzten medizinischen Kontakt mit einem erhöhten Suizid-Risiko und mit einer IRR von 3,67 (95% KI 3,33-4,04; P<0,001) innerhalb der ersten 6 Monate und einer IRR von 1,76 (95% KI 1,67-1,86; P<0,001) nach 7 Jahren verbunden.

In dieser auf nationalen dänischen Patientenregistern basierenden retrospektiven Kohorten-Studie wiesen Personen mit medizinischem Kontakt wegen eines SHT, verglichen mit der allgemeinen Bevölkerung ohne SHT, ein erhöhtes Selbstmordrisiko auf.

Kommentar:

Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann zu gravierenden langfristigen Folgen in der Motorik und in den Hirnfunktionen führen. Angststörungen und Depressionen weisen dabei eine hohe Prävalenz auf. Sie sind bekannte Faktoren für ein erhöhtes Suizid-Risiko. Suizide treten in jedem Lebensalter, in allen Ländern und in allen sozialen Schichten auf. Schätzungen lassen vermuten, dass auf einen erfolgreichen Suizid zwischen 20-25 Suizid-Versuche kommen. Auf den Zusammenhang zwischen Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und Suizid-Risiko haben Teasdale und Engberg in einer wegweisenden, zwischen 1979 bis 1993 durchgeführten dänischen Populations-Studie hingewiesen. Mit der Schwere des SHT nahm das Suizid-Risiko im Vergleich zur Normalbevölkerung zu, für die Gehirn-Erschütterung (n=126.114) um das 3,0fache, für die Schädelfraktur (n=7560) um das 2,7fache und für die Hirnkontusion mit Hirnblutung (n=11766) um das 4,1fache. In allen drei Diagnose-Gruppen war das Suizid-Risiko für Frauen höher als für Männer. Es war niedriger für Männer unter 21 Jahre und über 60 Jahre. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen schwedische Autoren, die in einer longitudinalen Populationsstudie bei Patienten mit einem SHT (n=218.300) im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung (n=2.163.190) über 41 Jahre ein erhöhtes Suizid-Risiko nach einem SHT nachweisen konnten. Mit ihrer aktuellen Studie bestätigen Madsen et al. diesen Zusammenhang und tragen zur vorhandenen Evidenz bei. Auch für das SHT im Kindes- und Jugendalter konnte dieser Zusammenhang von Richard et al. nachgewiesen werden. Wiederholte Arztbesuche wegen eines vorangegangenen SHT mögen ein Warnzeichen sein, das auf ein mögliches höheres Suizid-Risiko für alle Altersgruppen hinweist. Es bleibt zu hoffen, dass sich gefährdete Patienten mit besserer Kenntnis der Zusammenhänge eher erkennen lassen und noch rechtzeitig behandelt werden können.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Goldstein, L, Diaz-Arrastia, R. Editorial. Traumatic Brain Injury and Risk of Suicide. JAMA 2018 Aug 14; 320(6): 554-556
Teasdale, TW, Engberg, AW. Suicide after traumatic brain injury: a population study. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2001 Oct; 71(4): 436-440
Fazel, S et al. Suicide, fatal injuries, and other causes of premature mortality in patients with traumatic brain injury: a 41-year Swedish population study. JAMA Psychiatry 2014 Mar; 71(3): 326-333
Madsen, T et al. Association Between Traumatic Brain Injury and Risk of Suicide. JAMA 2018 Aug 14; 320(6): 580-588
Richard, YF et al. The association between traumatic brain injury and suicide: are kids at risk? Am J Epidemiol 2015 Jul 15; 182(2): 177-184

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