Beratung

Ist das Fibromyalgie-Syndrom mit kognitiven Funktionsstörungen verbunden?

Das Fibromyalgie Syndrom (FMS) wird als ein chronisches, multifokales und über mehr als 3 Monate persistierendes Schmerzsyndrom definiert, das mit Steife von Muskeln und Gelenken, Müdigkeit, Schlafstörungen und kognitiven Störungen assoziiert ist. Manche Betroffene leiden unter nicht erklärbaren somatiformen Störungen, Ängsten und/oder Depressionen. Obwohl die genauen Ursachen für das FMS nicht bekannt sind, hat sich gezeigt, dass auch neurodegenerative Erkrankungen mit chronischen Schmerzen assoziiert sein können. Die Fibromyalgie (FM) ist eine extrem seltene Komplikation, die im Verlauf einer progredienten neuro-kognitiven Störung (NKS) auftreten kann. In die aktuelle Studie wurden sieben Patienten mit einer NKS aufgenommen, die unter einem FMS als Komplikation litten. Sie wurden hinsichtlich ihrer klinischen Erscheinungen und erhobenen Daten (kognitive Tests, genetische und bildgebende Untersuchungen) analysiert.

Bei den sieben in die Studie aufgenommenen Patienten mit einer kognitiven Störung wurde entweder eine fronto-temporale NKS (n=3) oder ein Morbus Alzheimer (n=4) diagnostiziert. Kein Patient wies eine weitere organische Erkrankung auf, die den chronischen Schmerz erklären konnte. Im Krankheitsverlauf war es auch trotz der Gabe von Analgetika und Psychopharmaka zu keinem Nachlassen der Schmerzen gekommen. In den MRT-Bildern zeigten sich mäßige bis schwere atrophische Veränderungen in den Temporallappen und im Hippocampus. Die dreidimensionale stereotaktische Oberflächenprojektions-Analyse des Gehirns zeigte in der SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography) eine schwere Hypoperfusion auf beiden Seiten des medialen Temporallappens, des vorderen Corpus callosum und des vorderen cingulären Gyrus. In der Genanalyse wurden keine Hinweise auf pathogene Mutationen nachgewiesen.

Die Ergebnisse zeigen, dass NKS im Krankheitsverlauf mit einem schweren FMS verbunden sein kann.

Kommentar: Chronische Schmerzen scheinen, mit einem kognitiven Abbau verbunden zu sein. Fibromyalgie-Patienten berichten oft über Vergesslichkeit und ein Nachlassen kognitiver Funktionen. Dieser Zustand (fehlende mentale Klarheit, Aufmerksamkeitsstörung und Vergesslichkeit) wird in der populären und professionellen angelsächsischen Literatur als „Fibrofog“ bezeichnet. Kognitive Funktionsstörungen wurden bis zum letzten Update der Fibromyalgie-Diagnose-Kriterien 2010 offiziell kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sie fast bei allen Betroffenen nachgewiesen werden können. Glass hatte schon 2006 auf diesen Zusammenhang hingewiesen. In einem Fallbericht berichtet Hughes über eine 71 Jahre alte Patientin, die seit 35 Jahren unter einer Fibromyalgie litt und wegen ihres zunehmenden Kognitionsverlustes wegen einer Alzheimer’schen Erkrankung in ein Pflegeheim aufgenommen wurde. Der fortschreitende Kognitionsverlust war mit einer Besserung ihrer Fibromyalgie-Symptome verbunden. Eine aktuelle Fallstudie mit sieben Patienten zeigt, dass kognitive Störungen selbst mit einem FMS verbunden sein können, und bestätigt damit einen grundsätzlich möglichen Zusammenhang. Über im Mini-Mental-Test nachgewiesene kognitive Einschränkungen bei Fibromyalgie-Patienten wurde bereits von Rodríguez-Andreu berichtet. Cole et al. konnten zeigen, dass kognitiv eingeschränkte Fibromyalgie-Patienten ihre Schmerzempfindlichkeit auch bei Auftreten einer Alzheimer’schen Erkrankung nicht unbedingt verlieren müssen, was für die medikamentöse Betreuung dieser Patienten von großer Bedeutung ist. Aus den Studienergebnissen von Cole et al. kann geschlossen werden, dass die Degeneration des limbischen und des primären sensorischen Cortex zu einer Dysregulation des Schmerz-Netzwerkes und zu einem chronisch persistierenden Schmerz-Syndrom führt. Die für Fibromyalgie-Patienten entscheidende und beunruhigende Frage bezieht sich auf den möglichen Übergang der mit der Fibromyalgie verbundenen kognitiven Einschränkungen in die Alzheimer-Demenz. In einer von Leavitt und Katz über 12,6 Jahre durchgeführten Querschnittstudie hat sich hierfür kein Anhalt ergeben. Der mögliche und ursächlich noch nicht geklärte Zusammenhang zwischen dem Fibromyalgie-Syndrom, den damit verbundenen kognitiven Störungen und dementiellen Erkrankungen bedarf einer weiteren Klärung.

 

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Nishioka, K et al. Fibromyalgia syndrome and cognitive dysfunction in elderly: a case series. Int J Rheum Dis 2016 Jan; 19(1): 21-29
Glass, JM. Cognitive dysfunction in fibromyalgia and chronic fatigue syndrome: new trends and future directions. Curr Rheumatol Rep 2006 Dec; 8(6): 425-429
Wolfe, F et al. The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis Care Res (Hoboken) 2010 May; 62(5): 600-610
Wolfe, F et al. Fibromyalgia criteria and severity scales for clinical and epidemiologica studies: a modification of the ACR preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia. J Rheumatol 38: 1113-1122
Hughes, LD. Changes in the clinical manifestation of fibromyalgia in an individual with dementia. J Am Geriatr Soc 2013 Dec; 61(12): 2260-2261
Rodríguez-Andreu, J et al. Cognitive impairment in patients with Fibromyalgia syndrome as assessed by the Mini-Mental State Examination. BMC Musculoskelet Disord 2009 Dec 21; 10:162
Cole, LJ et al. Pain sensitivity and fMRI pain-related brain activity in Alzheimer`s disease. Brain 2006 Nov; 129(Pt 111): 2957-2965. Epub 2006 Sept 2
Leavitt, F, Katz, RS. Cross-sectional neurocognitive data do not support a transition from fibrofog to Alzheimer disease in fibromyalgia patients. J Clin Rheumatol 2015 Mar; 21(2): 81-85

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