Beratung

Sind Milch und Molkereiprodukte gut für unsere Gesundheit?

Der gesundheitliche Wert der Kuhmilch für Kinder und Erwachsene wird seit vielen Jahren diskutiert. Viele Menschen sind heute skeptisch und glauben nicht an die gesundheitlichen Vorteile der Kuhmilch und an die aus ihr gewonnenen Produkte, was sich in einem zunehmenden Konsum pflanzlicher Ersatzmilchen (z.B. Sojamilch, Mandelmilch etc.) und anderer Getränke (z.B. Energy Drinks) widerspiegelt.

Wie sieht die Evidenz aus? Zwei Autorengruppen, Thorning et al. und Fardellone et al., haben mit jeweils einem zeitnahen Literatur-Review versucht, einen Beitrag zum aktuellen Kenntnisstand zu leisten.

Milch trägt mit ihren physiologischen Eigenschaften zur menschlichen Ernährung bei und übt wegen ihres hohen Kalziumgehaltes vor allem im Kindes- und Jugendalter einen unbestritten positiven Einfluss auf die Mineralisation und später auf den Erhalt des Skelettsystems aus. Milch scheint, die Osteoarthritis bei Frauen zu verzögern. Ein Zusammenhang zum Frakturrisiko konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Bei Erwachsenen führt der Milchkonsum zu einer verbesserten Zusammensetzung des Körpergewebes. Weitere Studienergebnisse lassen vermuten, dass der Milchkonsum und der Konsum von Molkereiprodukten bei Kindern mit einem reduzierten Adipositas-Risiko assoziiert ist. Milch- und Molkereiprodukte sind mit einem neutralen oder reduzierten Risiko für einen Typ 2 Diabetes, einem reduzierten kardiovaskulären und cerebrovaskulären Risiko verbunden. Bei Krebserkrankungen konnten ein inverser, präventiver Einfluss auf die Entstehung kolorektaler Tumore, Blasenkrebs, Magen-Karzinom und Brustkrebs nachgewiesen werden. Milchkonsum war mit keinem erhöhten Risiko für Pankreaskrebs, Eierstockkrebs und Lungenkrebs verbunden. Der Milchkonsum und der Konsum von Molkereiprodukten übt keinen erkennbaren Einfluss auf die Gesamtmortalität aus.

Die Autoren beider Reviews schließen aus ihren Ergebnissen, dass der mäßige Konsum von Milch- und Molkereiprodukten den Empfehlungen zur adäquaten Nährstoffaufnahme entgegenkommt und wahrscheinlich gegen die häufigsten chronischen Erkrankungen schützt. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es jedenfalls keine gesicherte wissenschaftliche Evidenz, die gegen einen normalen Milchkonsum und gegen die ernährungsphysiologischen Vorteile der Milch sprechen würde.

Kommentar

Unterschiedliche Milchen gehören seit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht in unterschiedlichen Kulturen zur menschlichen Ernährung. In den europäischen Kulturen wird vor allem Kuhmilch, in arabischen Ländern Kamelmilch, in Indien Büffelmilch konsumiert. Milch hat zur Gesundheit, zum Wachstum und zur Entwicklung des Menschen bei-getragen, besonders dann, wenn die eigene Mutter nicht stillen konnte. Kuhmilch ist ein Naturprodukt, das eine variable Vielzahl von Peptid- und Steroidhormonen zur Förderung von Wachstum und Entwicklung des neugeborenen Kalbes enthält, dessen Bedeutung im Einzelnen für den Menschen kontrovers diskutiert wird.

Milch besitzt eine der reichhaltigsten Ernährungsprofile im Verhältnis zu ihrem Energiegeh-alt. Sie ist eine wichtige Quelle für Proteine (80% Kaseine, 20% wasserlösliche Molkeproteine) und Kalzium. Die in der Milch enthaltenen Vitamine finden sich in einer lipophilen, fett-löslichen Milchfett-Fraktion (A, D, E und K) und in einer hydrophilen, wasserlöslichen Vitaminfraktion (Vitamin B1, B2, B3, B5, B6, B8, B9, B12, Vitamin C). Milch enthält außerdem wichtige Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Zink und Selen. Vissers et al. haben den Beitrag von Milch- und Molkereiprodukten zur Versorgung mit Mineralien und Vitaminen in unter-schiedlichen Lebensphasen der holländischen Bevölkerung untersucht.

Der Kalzium-Bedarf bei Kleinkindern wurde zu 73%, der Selen-Bedarf zu 21%, der Eisen-Bedarf zu 8%, der Zink-Bedarf zu 39%, der Kupfer-Bedarf zu 12%, der Folsäure-Bedarf zu 24%, der Vitamin C-Bedarf zu 18%, der Vitamin D-Bedarf zu 16% und der Vitamin B12-Bedarf zu 58% vor allem über Milch-, aber auch über andere Molkereiprodukte gedeckt.

Bei Erwachsenen und älteren Menschen betrug für Milch- und Molkereiprodukte der Beitrag von Kalzium an der Nahrungsaufnahme 65%-68%, für Selen 18%-19%, für Eisen 3%-4%, für Zink 28%-31%, für Kupfer 6%-7%, für Folsäure 17%-19%, für Vitamin C 10%-14%, für Vitamin D 11%-16% und für Vitamin B12 44%-46%.

Nicht nur in dieser holländischen Studie, sondern auch in weiteren Untersuchungen in den USA, Frankreich, Vietnam und Indonesien konnte gezeigt werden, dass Milch als eine der wichtigsten und preiswertesten Quellen zur ausreichenden Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Makro-, Mikronährstoffen beiträgt.

Beide Autorengruppen schließen aus ihrem Literaturreview, dass die bisherige wissenschaftliche Evidenz den Konsum von Milch unterstützt. Es scheint, dass es keine gesunde Ernährung ohne Milch gibt. Milch und Milchprodukte sollten deshalb Teil einer ausgewogenen Ernährung sein. Es gibt keinen gesicherten Grund, die bisherigen allgemeinen Empfehlungen für einen mäßigen, nicht exzessiven Milchkonsum zu ändern.

Die „American Heart Organisation“ empfiehlt für Kinder zwischen 2 und 8 Jahren zwei Tassen (eine Tasse etwa 125 ml) fettarmer Milch und für Kinder und Jugendliche zwischen 9 bis 18 Jahren 3 Tassen und für Erwachsene 4 Tassen fettarmer Milch pro Tag. Für Kinder unter 2 Jahren sollte der Fettgehalt der Milch nicht reduziert werden.

Früher erhielten Kinder in der Schulpause Milchgetränke. Der Wert der Kuhmilch für die Entwicklung und Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen scheint heute, in Anbetracht der auf dem Markt angebotenen „Kunstgetränke“, Soda- und Energiegetränke vielfach bei Behörden, Eltern und Kindern in Vergessenheit geraten zu sein. 

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Thorning, TK et al. Milk and dairy products: good or bad for human health? An assessment of the totality of scientific evidenc. Food Nutr Res 2016 Nov 22; 60: 32527
Fardellone, P et al. Osteoporosis: Is milk a kindness or curse? Joint Bone Spine 2016 Oct 7 (epub ahead of print
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Gaucheron, F. Milk and Dairy Products: A Unique Micronutrient Combination. J Am Coll Nutr 2011 Oct; 30(5 Suppl 1): 400S-4009S
Vissers, PA et al. The Contribution of Dairy Products to Micronutrient Intake in The Netherlands. J Am Coll Nutr 2011 Oct; 30(5 Suppl 1) 415S-421S
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