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Viren im Sperma: Ein übersehenes Risiko für die kindliche Entwicklung?

Das Zika-Virus ist ein emergentes, durch Mücken übertragenes Flavivirus (Genus), das kürzlich zu epidemiologischen Ausbrüchen in Afrika, Asien und den Amerikas geführt hat. Erstmals wurde das Virus im Verlauf von Gelbfieber-Überwachungsprogrammen bei Rhesus-Affen nachgewiesen. Über erste menschliche Erkrankungen wurde 1952 aus Tansania und Uganda berichtet. Die Epidemie in Brasilien hat bei 440.000 bis 1.300.000 geschätzten Krankheitsfällen bei mehr als 3500 Neugeborenen zu einer kongenitalen Mikrozephalie geführt. Untersuchungen von Atkinson et al. haben gezeigt, dass Zika-Virus-RNA nach einer Infektion, im Sperma bis zu 60 Tagen nachgewiesen werden kann. Diese Befunde haben aktuell auf bestehende Wissenslücken hinsichtlich der allgemeinen Persistenz von Viren in Genitalflüssigkeiten, insbesondere im Hoden und Sperma aufmerksam gemacht. Nur Zika-, Ebola- und Marburg-Viren konnten bisher aus Sperma isoliert werden. Sie werden nachweislich auch durch Sperma übertragen. Die Autoren der aktuellen Studie vermuten, dass sich weitere Viren bei einer Virämie im Hoden und im Sperma ansiedeln und möglicherweise auch hierdurch übertragen werden können. Dazu haben sie eine PubMed-Suche mit den Begriffen "Virus* AND Semen OR Sperm* OR Semina*" ohne Datums- und Spracheinschränkung durchgeführt.

Die Suche ergab 3.818 Treffer. Die Titel, Abstracts und Volltextartikel wurden auf Hinweise über den Nachweis von mit unterschiedlichen Detektionsmethoden (Nukleinsäure-Amplifikation oder -Detektion, Antigen-Nachweis, Replikation in Zellkultur oder Replikation in einem tierischen System) erfassten Viren im Sperma durchsucht. Die Ergebnisse wurden auf Viren beschränkt, die eine Virämie verursachen können. Wenn Beweise für Viren im Sperma gefunden wurden, wurde in PubMed nach Beweisen für eine sexuelle Übertragung gesucht, indem Suchbegriffe wie "Name of Virus AND Sex* AND Transm*" benutzt wurden.

Die Recherche ergab 27 bisher im menschlichen Sperma nachgewiesene Viren (Virustabelle in der Originalarbeit von Salm, AP, Horby, PW, PMID 29048276). Für 13/27 Viren sind epidemiologische, molekularbiologische Daten über ihr Vorkommen und zum Risiko ihrer sexuellen Übertragbarkeit bekannt. Die nachgewiesenen Viren stammen aus unterschiedlichen Virus-Familien (Genera). Einige Viren verursachen chronische oder latente Infektionen, wie z. B. das HIV-Virus oder das Zytomegalie-Virus. Andere Viren verursachen akute Infektionen wie das Lassa-Fieber, das Rift Valley Fieber und die Chikungunya-Krankheit. Bisher wurden im Sperma nur das Zika- und Ebola-Virus in Fallreihen oder in Kohorten-Studien systematisch untersucht.

Die Virus-Existenz im Sperma wird durch Faktoren wie Virämie, Entzündungsmediatoren (Änderung der Durchlässigkeit der Blutbarriere), eine systemische Immunsuppression, Immunreaktionen des männlichen Fortpflanzungstraktes, Vorhandensein von sexuell übertragbaren Krankheiten und durch die strukturelle Stabilität des Virus beeinflusst. Mehrere Viren, die zur Virämie führen, können eine Orchitis verursachen und wurden im menschlichen Hoden nachgewiesen, was darauf hindeutet, dass diese Viren möglicherweise auch im Sperma nachweisbar sein könnten. Zu diesen Viren gehören das Influenza-Virus, das lymphozytäre Choriomeningitis-Virus, das Phlebotomus-Fieber-Virus, das Cocksackie-B-Virus, das Echovirus, das Dengue-Fieber-Virus, das akute respiratorische Syndrom-(Corona)-Virus, das Parvovirus, das Pockenvirus, das Vaccinia-Virus und das Röteln-Virus.

Das „Seeding to the male reproductive tract“ (Die Aussaat in die männlichen Fortpflanzungsorgane) kann im Zusammenhang mit einer Virämie auftreten, da dann die immunologischen Barrieren, insbesondere bei systemischen oder lokalen Entzündungen, für Viren durchlässig sind. Viren können innerhalb des männlichen Fortpflanzungstraktes persistieren und sich möglicherweise dort auch vermehren. Damit können sie auch über Sperma übertragen werden, zu Erkrankungen der Geschlechtspartnerin und zur Beeinträchtigung einer möglichen Schwangerschaft führen. Dies haben vor allem die aktuellen Erfahrungen mit dem Zika-Virus gelehrt, wo Infektionen zu zwei erheblichen neurologischen Komplikationen, zum Guillain-Barré Syndrom und zu kongenitalen neurologischen Auffälligkeiten (z.B. kindliche Mikrozephalie) des Neugeborenen führen können.

Vor diesem Hintergrund stellte sich für die Autoren die Frage, welche Viren wie lange und in welchen Konzentrationen im Sperma lebensfähig bleiben und welche Viren eliminiert werden können. Die Antworten besitzen Auswirkungen auf die Risiken sexueller Übertragung und auf embryonale Infektionen, angeborene Krankheiten und Fehlgeburten. Viren im männlichen Fortpflanzungstrakt erhöhen das Risiko für sexuell übertragbare Infektionen. Eine Infektion von Spermien könnte auch zu einer Übertragung von virusinduzierten Mutationen auf nachfolgende Generationen führen und deren Risiko für Krebs und andere Erkrankungen beeinflussen.

Für die meisten Viren konnte noch nicht geklärt werden, inwieweit eine Replikation von Viren im Hoden und/ oder in Spermien erfolgt. Wenn ja, wie lange können sie im menschlichen Sperma nachgewiesen werden und vor allem wie lange bleiben sie infektiös?

Viren, das haben die Autoren mit ihrer aktuellen Studie belegt, kommen im Sperma häufiger vor als derzeit bekannt ist. Untersuchungen des Spermas mögen sich aus Sicht der Autoren in Zukunft als nützlich erweisen. Vielleicht können durch genauere Kenntnis der Zusammenhänge, der Gesellschaft und insbesondere den Betroffenen manche Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen erspart werden, für die wir heute keine Erklärung finden.

 

Quellen: Salam, AP, Horby, PW. The Breadth of Viruses in Human Semen. Emerg Infect Dis 2017 Nov; 23(11): 1922-1924
Atkinson, B et al. Presence and Persistence of Zika Virus RNA in Semen, United Kingdom, 2016. Emerg Infect Dis 2017 Apr; 23(4): 611-615
Sharma, S et al. Zika virus: A publich health threat. J Med Virol 2017 Oct; 89(10): 1693-1699

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