Mit der Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen.

Verstanden
Beratung

ß-Amyloide, Angststörungen und Kognitionsverlust in der präklinischen Phase der Alzheimer’schen Erkrankung

Wir wissen von der Alzheimer’schen Erkrankung (AE), dass sie eine lange Vorlaufzeit besitzt. Die Krankheit entwickelt sich über viele Jahre vor dem Auftreten klinischer Zeichen. Als ß-Amyloide werden zwei Proteine bezeichnet, die über ein Amyloid-Vorläufer-Protein gebildet werden. Sie gehören zum normalen Stoffwechsel und besitzen biologische Funktionen als anti-mikrobielle Peptide und lagern sich im Gehirn normalerweise nicht ab. Bei älteren Erwachsenen ist der Nachweis von hohen ß-Amyloidwerten mit einer leichten Demenz, einem Abbau des verbalen Gedächtnisses und mit einer Verminderung des Hippocampus-Volumens verbunden. Wenige Untersuchungen haben sich bisher mit modifizierbaren Faktoren, Angststörungen und Depressionen befasst. Ziel der aktuellen Studie war die Erfassung der Verbindung zwischen dem ß-Amyloid-Status und damit verbundenen kognitiven Veränderungen wie Angststörungen und Depressionen.

In einer prospektiven Studie untersuchten die Autoren 333 ältere gesunde Probanden im Alter zwischen 60 bis 89 Jahren zu Studienbeginn, nach 18, 36 und 54 Monaten. Etwa 50% aller Studienteilnehmer klagten über subjektiv empfundene Gedächtnisausfälle. Bei allen Probanden wurde ein ß-Amyloid-Imaging als Teil der "Australian Imaging, Biomarkers and Lifestyle (AIBL) Study" durchgeführt. Bei 25% der Teilnehmer konnten die bildgebenden Verfahren abgeschlossen werden. Als ergänzendes Kriterium wurde bei ihnen auch noch der APOE 𝜺4-Trägerstatus bestimmt.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein positiver Aß(Aß+)-Status mit einer Zunahme von Angstsymptomen, einem signifikanten Abfall der allgemeinen Kognition, des Wörtergedächtnisses, der Sprache, der Exekutivfunktionen und verbunden ist. Im Vergleich zur Aß+-Niedrig-Angstgruppe war der kognitive Abfall in der Aß+-Hochangstgruppe signifikant stärker ausgeprägt. Diese Ergebnisse waren unabhängig vom Alter, der Ausbildungshöhe, dem IQ, dem APOE-Genotyp, von den subjektiv empfundenen Gedächtnisbeschwerden, vaskulären Risikofaktoren und depressiven Symptomen.

Diese Ergebnisse tragen zum weiteren Verständnis der schädlichen Auswirkungen erhöhter Aß-Spiegel auf die kognitiven Funktionen bei präklinischen AE bei. Sie lassen vermuten, dass erhöhte Angstsymptome den kognitiven Ablauf modulieren und mit einem schnelleren Funktionsverlust in mehreren kognitiven Bereichen verbunden sind.

Kommentar:

Die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigen ältere Studien. Ein Aß+-Status ist in Verbindung mit Angststörungen bei gesunden älteren Erwachsenen mit reduzierten kognitiven Funktionen und im Verlauf mit einem schnelleren Kognitionsverlust verbunden. Die Verbindung zwischen dem Aß+-Status und dem kognitiven Abbau erwies sich über eine 4½-jährige Beobachtungszeit als signifikant für das Wörtergedächtnis, die Sprache und die Exekutivfunktionen. Dabei ist besonders interessant zu vermerken, dass der verlaufsmodulierende Effekt der Angststörung auf den kognitiven Verlust unabhängig von bekannten Risikofaktoren (hohes Alter, Ausbildungshöhe, IQ, APOE Genotyp, subjektiv empfundenen Gedächtnisstörungen, vaskulären Risikofaktoren, depressiven Symptomen) ist. Während der Aß+-Status und sein progredienter Verlauf bisher noch nicht beeinflusst werden können, lassen sich Angststörungen behandeln. Selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRIs) fördern die Neurogenese im Hippocampus. Es gibt Hinweise, dass sie bei milden kognitiven Einschränkungen und der Alzheimer´schen Erkrankung die Gedächtnisfunktionen und die allgemeine Wahrnehmung verbessern können.

Sheline et al. haben an einem transgenen Maus-Modell gezeigt, dass sich unter Citalopram (SSRI) im Gehirn keine neuen Aß-Plaques mehr bilden und sie im Gegenteil sogar dosisabhängig abnehmen. Diese Beobachtungen konnten an gesunden menschlichen Versuchspersonen bestätigt werden. Der Aß-Spiegel im Liquor nahm um 37% bei den Versuchspersonen ab, die Citalopram im Vergleich zu Placebo eingenommen hatten.

Ob anxiolytisch wirksame Medikamente, wie z.B. SSRIs, auch Einfluss auf den Verlauf des kognitiven Abbaus nehmen, bleibt trotz ermutigender erster Ergebnisse noch ungeklärt. Vielleicht eignet sich Citalopram für zukünftige Präventionsstudien zur Vermeidung oder Abschwächung der AE. Die Möglichkeit, risikolos Aß-Plaques im Gehirn zu reduzieren und ihre Neubildung zu verhindern, wäre eine potentiell wichtige und wünschenswerte präventive Strategie, um diese desaströs verlaufende Erkrankung zu beeinflussen und vielleicht auch weitestgehend zu verhindern.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Pietrzak, RH et al. Amyloid-ß, Anxiety, and Cognitive Decline in Preclinical Alzheimer Disease. A Multicenter, Prospective Cohort Study. JAMA Psychiatry 2015 Mar; 72(3): 284-91
Beaudreau, SA, O’Hara, R. The association of anxiety and depressive symptoms with cognitive performance in community-dwelling older adults. Psychol Aging 2009 Jun; 24(2): 507-12
Yochim, BP et al. Late life anxiety is associated with decreased memory and executive functiioning in community dwelling older adults. J Anxiety Disord 2013 Aug; 27(6): 567-75
Sheline, YI et al. An antidepressant decreases CSF Aß production in healthy individuals and in transgenic AD mice. Sci Transl Med 2014 May 14; 6(236): 236re4

Ihr Login in die ALIUD® FACHWELT

Die ALIUD® FACHWELT bietet Onlineshop und vielfältige Serviceleistungen für Ärzte und Apothekenteams. Wenn Sie zum Fachkreis gehören können Sie sich direkt mit ALIUD PHARMA®- oder DocCheck®-Zugangsdaten einloggen.

> Login
> Zugangsdaten vergessen?

Wenn Sie zum Fachkreis gehören und noch keine Zugangsdaten besitzen können Sie sich hier registrieren.