Der Zusammenhang zwischen Blutdruck, kognitiven Funktionen und Demenz

Der Zusammenhang von Blutdruck (BP), kognitiver Funktion und Demenz hat in den letzten Jahren eine besondere Aufmerksamkeit in der epidemiologischen Forschung erfahren. Die Ergebnisse einiger Querschnittsstudien haben auf einen inversen Zusammenhang zwischen Blutdruck und der Prävalenz von Demenz und der Alzheimer-Krankheit hingewiesen. Einige Studien lassen vermuten, dass der Bluthochdruck in der Mitte des Lebens ein Risikofaktor für eine spätere kognitive Beeinträchtigung und Demenz sein könnte. Beobachtungsstudien und randomisierte klinische Studien liefern bisher nur begrenzte Hinweise für eine mögliche schützende Wirkung einer antihypertensiven Therapie. Mit ihrer aktuellen Studie haben die Autoren eine historische Kohorte mit den gespeicherten Routinedaten der britischen Primärversorgung analysiert.

2.593.629 Personen aus der United Kingdom Clinical Practice Research Database (CPRD), im Alter von mehr als 40 Jahren, mit wenigstens einer BP-Messung, einem einjährigen Mindest-Follow-up zwischen 1992 und 2011 und ohne Hinweise auf eine Demenz, wurden in die Studie aufgenommen. Der mediane Follow-up betrug 8,2 Jahre (Interquartil Spanne [IQR] 4,4-12,4 Jahre), das mediane Alter bei der Erstmessung 54 Jahre (54,1 % weibliche Teilnehmer). Der mediane systolische BP betrug 136mmHg (IQR 120-150), der mediane diastolische BP 80mmHg (IQR 74-90). Mit einem Poisson-Regressionsmodell wurde der Zusammenhang zwischen BP und einer ärztlich diagnostizierten Demenz und ihren Subtypen nach Zeitkategorien seit der BP-Messung (<5 Jahre, 5-10 Jahre, >10 Jahre) untersucht. Eine Zunahme des BPs wurde mit zunehmendem Alter und zunehmendem Gewicht beobachtet.

Während eines medianen Follow-ups von 8,2 Jahren wurden 65.618 Demenz-Erkrankungen identifiziert, die bei 49.161 Patienten der Alzheimer´schen Erkrankung, bei 13.816 der Gefäßdemenz und bei 2541 anderen Demenz-Subtypen zugeordnet werden konnten. Für jeweils einen 10mmHg höheren systolischen BP war das zukünftige Demenzrisiko um 9,2% (95% KI [Konfidenzintervall] 8,4%-10,0%) geringer. Die Höhe der Assoziation veränderte sich jedoch mit der Zeit, die seit der BP-Messung vergangen war. Kurzzeitassoziationen eines erhöhten BPs mit einer Demenz waren mit einem 15,8% (15,5%-17,0%) niedrigeren Risiko 0-5 Jahre nach der BP-Messung und einem 5,8% (7,7%-4,4%) niedrigeren Risiko 5-10 Jahre nach der BP-Messung verbunden. Im Zeitraum über 10 Jahre hinaus war nur noch eine schwache Assoziation zwischen systolischem BP und dem erniedrigten Demenzrisiko von 1,6% (0,1%-3,0%) nachweisbar. Ein insgesamt erhöhter BP scheint einen geringen Einfluss auf die Alzheimer-Demenz und einen höheren auf die vaskuläre Demenz zu besitzen. Zwischen dem systolischen BP und der Schlaganfallhäufigkeit konnte ein starker Zusammenhang nachgewiesen werden.

Ein erhöhter Blutdruck scheint zumindest kurzfristig eher mit einem verminderten Demenz-Risiko verbunden zu sein. Die langfristigen Verbindungen zwischen BP und Demenz sind wenig ausgeprägt und unterscheiden sich hinsichtlich des Demenz-Subtyps. Die vaskuläre Demenz scheint stärker vom Blutdruck beeinflusst zu werden.

Kommentar:

Der Blutdruck (BP) ist ein zentraler Regulierungsprozess, der für die homöostatische Kontrolle des lebenden Organismus unerlässlich ist. Der BP ist die Kraft, die notwendig ist, um das Blut vorwärts zu bewegen, um eine ausreichende Glukose- und Sauerstoffversorgung zu garantieren und um Abfallprodukte über das Venensystem auszuscheiden. Der Zusammenhang zwischen Blutdruck, kognitiver Funktion und Demenz hat bei einer immer älter werdenden Bevölkerung in den letzten Jahren besondere Aufmerksamkeit erfahren. Der Bluthochdruck betrifft weltweit mehr als eine Milliarde Menschen. Besonders Menschen über 60 Jahre sind betroffen. Es gibt mehrere Mechanismen, durch die der BP das Gehirn beeinflusst und die Kognition verändert. Dazu gehören die Durchblutungsdynamik, die Entwicklung von großen und kleinen Gefäßveränderungen und verschiedene molekulare Mechanismen, wie die Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies und Transkriptionskaskaden. Einige Studien deuten darauf hin, dass der Bluthochdruck in der Mitte des Lebens zumindest ein Risikofaktor neben anderen für spätere kognitive Beeinträchtigungen und Demenz sein könnte. Beobachtungsstudien und randomisierte klinische Studien liefern aber nur begrenzte Hinweise für eine schützende Wirkung der anti-hypertensiven Therapie gegen Demenz. Arteriosklerotische Gefäßveränderungen, die aus einer lang anhaltenden Hypertonie oder einer zerebralen Hypotonie resultieren, mögen aber wichtige biologische Pfade repräsentieren, die mit einem hohen Blutdruck in der Lebensmitte als auch mit einem niedrigen Blutdruck im späteren Leben verbunden sein können und zu einem kognitiven Abbau bis zur Demenz führen mögen. McNeil et al. konnten mit ihrer Studie zeigen, dass der diastolische Blutdruck enger mit dem kognitiven Abbau verbunden ist als der systolische Blutdruck, so dass möglicherweise beiden Blutdruckkomponenten unterschiedliche Bedeutungen bei der Alterung zukommen. Die Rolle der Hyper- und Hypotonie für die Entwicklung dementieller Erkrankungen bleibt somit noch verworren. Der Bluthochdruck scheint aber einer von mehreren Faktoren in der Genese dementieller Erkrankungen zu sein. 

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Gregson J et al. Blood pressure and risk of dementia and its subtypes: a historical cohort study with long-term follow up in 2.6 million people. Eur J Neurol 2019 Jun 24 [epub ahead of print]
Wahidi N, Lerner AJ. Blood Pressure Control and Protection of the Aging Brain. Neurotherapeutics 2019 Jun 3 [epub ahead of print]
Qiu C et al. The age-dependent relation of blood pressure to cognitive function and dementia. Lancet Neurol 2005 Aug; 4(8): 482-499
Lane CA et al. Associations between blood pressure across adulthood and late-life brain structure and pathology in the neuroscience substudy of the 1946 British birth cohort (insight 46): an epidemiological study. Lancet Neurol 2019 Aug 20. Pii: S1474-4422(19)30228-5
McNeil CJ et al. Increased diastolic blood pressure is associated with MRI biomarkers of dementia-related brain pathology in normative aging. Age Ageing 2018 Jan 1; 47(1): 95-100

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