Eine Meta-Analyse zur Verbindung von Vitamin D und Harnwegsinfektionen

Ob Vitamin D-Mangel bei Menschen mit Harnwegsinfektionen (HWI) verbunden ist oder nicht, bleibt umstritten. Die Autoren haben in den Datenbanken PubMed, Google Scholar, Cochrane Library, Medline und Embase bis zum ersten März 2018 nach Veröffentlichungen zum möglichen Zusammenhang zwischen Vitamin D und HWI gesucht. Bei der elektronischen Recherche konnten 211 Publikationen, bei der manuellen Recherche zusätzliche 18 weitere Artikel, identifiziert werden. Nach Durchsicht entsprachen 181 Artikel nicht den Einschlusskriterien. Bei den verbleibenden 48 Artikeln wurde der Volltext durchgesehen. In die Meta-Analyse konnten 9 Studien (6 Fallkontroll-Studien, Zwei Querschnittstudien, eine randomisiert kontrollierte Studie) mit insgesamt 1921 Teilnehmern unterschiedlicher Ethnien aufgenommen werden. Bei 580 Studienteilnehmern war ein Harnwegsinfekt diagnostiziert worden. Die älteste Studie stammte aus dem Jahr 2013, die aktuellste aus dem Jahr 2017.

Insgesamt weisen die Ergebnisse auf einen signifikanten Einfluss des Vitamin D-Mangels auf das HWI-Risiko. Der 25(OH)-Vitamin D-Serumstatus war bei HWI-Patienten allgemein um 9,6ng/ml niedriger als bei Kontroll-Patienten, bei Kindern sogar um 10,4 ng/ml. Die Vitamin-D-Insuffizienz war mit einem dreifach erhöhten HWI-Risiko verbunden (gepoolte OR=3,01, 95% KI=2,31-3,91; moderate Heterogenität von I2=49,5%). Der Vitamin D-Serumspiegel war in der UTI-Gruppe signifikant erniedrigt (standardisierte mittlere Differenz (SMD)=-1,65, 95% Konfidenzintervall [KI] 2,69-0,60, P<0,001, hohe Heterogenität I2 =97,9%, P<0,001). Vor allem für Kinder weist die Meta-Analyse im Vergleich zu Erwachsenen einen höheren Zusammenhang zwischen HWIs und Vitamin-D-Mangel auf (OR=4,78, 95% KI=3,08-7,44, P<0,001).

Die vorhandenen Studien zeigen, dass bei Mädchen und Frauen ein HWI häufig mit einem Vitamin D-Mangel assoziiert ist, der das Infektionsrisiko erhöht.

Kommentar:

Wiederholte Harnwegsinfektionen (Cystitis und Pyelonephritis) gehören vor allem bei Mädchen und Frauen zu den häufigsten Erkrankungen. Der bei ambulant erworbenen Harnwegsinfektionen (HWI) im Urin nachgewiesene Erreger ist zu 70 bis 90% Escherichia coli. Wiederholte und langfristige Gaben von Antibiotika führen zu einer unerwünschten und steigenden Resistenzentwicklung. Nur in wenigen Studien wurde bisher der Zusammenhang zwischen Vitamin D und dem HWI-Risiko untersucht. Vitamin D besitzt einen von der EFSA (European Food Safety Authority) anerkannten und gesicherten Health-Claim zur Knochenmineralisation und Immunregulation. Weitere Wirkungen von Vitamin D zum Schutz vor Krebs, kardiovaskulären Erkrankungen, der mentalen Gesundheit und dem Schutz vor Infektionserkrankungen werden diskutiert. Vitamin D beeinflusst direkt oder indirekt eine Vielzahl von Genfunktionen. Die Bedeutung für die Infektabwehr scheint gesichert zu sein. Die Ergebnisse mehrerer Studien haben gezeigt, dass die Produktion von Vitamin D eng mit der Bildung von Cathelicidin, einem körpereigenen antimikrobiellen Peptid (AMP), verbunden ist. Durch Bindung von aktiviertem 1,25(OH)2 Vitamin D an das Vitamin D-Response Element (VDRE) des CAMP-Promotors wird die Expression des menschlichen Cathelicidin-Gens (CAMP) in den Epithelgeweben des Respirationstraktes, der Blase, des Magen-Darm-Traktes und der Keratinozyten der Haut induziert. Cathelicidin schützt die Grenzflächen des Körpers vor invasiven Erregern und Infektionen, was auch für das Blasenepithel gelten mag. Die Meta-Analyse von Deng et al. lässt eine Beziehung zwischen Vitamin D-Mangel und HWI-Risiko erkennen. Dies scheint vor allem für Mädchen und Frauen zu gelten, wie die Meta-Analyse ausweist und durch weitere und neuere Studien bestätigt wird. Mayar et al. konnten in einer Fall-Kontrollstudie einen Zusammenhang zwischen 25(OH)D-Serumspiegeln und HWIs bei Kindern nachweisen. In einer aktuellen Studie von Shalaby verdoppelt sich das HWI Risiko bei 25-hydroxy-Vitamin D Serumspiegeln ≤25nmol/L (≤10 ng/ml). In einer türkischen Studie erhöht sich in einer multivariaten Analyse die Odds Ratio für das HWI-Risiko bei Werten <20ng/ml auf 3,5 (95% KI 1,62-7,57). Alle bisher vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass ein niedriger Vitamin D-Serumspiegel ein Risikofaktor für einen HWI bei Mädchen ist. Övünç et al. konnten nachweisen, dass Kinder mit einem unzureichenden Vitamin D-Serum-status (≤20 ng/ml) geringere Cathelicidin-Spiegel im Urin aufweisen als Kinder mit einem Vitamin D-Serumstatus >20ng/ml. Eine über 6 Jahre an Mülheimer Kindern und Jugendlichen durchgeführte Studie zeigt, dass der allgemein akzeptierte Schwellenwert für einen ausreichenden Vitamin D-Serumstatus von >20ng/ml nur in einem Jahr mit 20,8 ng/ml als Medianwert erreicht wurde und damit entsprechend dieser Definition in Deutschland kein ausreichender Vitamin D-Status vorhanden ist. Es sollte dabei nicht unerwähnt bleiben, dass die amerikanische Gesellschaft für Endokrinologie den Wert für einen ausreichenden Vitamin D-Serumstatus nicht bei 20ng/ml, sondern eher bei 30ng/ml sieht. Weitere prospektive Studien sind zur Erfassung der präventiven Wirkung von Vitamin D auf die Inzidenz von rekurrenten HWI erforderlich. Sollte sich der Zusammenhang weiter bestätigen, dürften die aktuellen Empfehlungen zur Vitamin D-Aufnahme und Supplementierung für einen hinreichenden Vitamin D-Status zur Prävention des Risikos von HWIs (Anm.: vielleicht auch anderer Infektionskrankheiten) nicht ausreichen, schreiben Georgieva et al. vom schwedischen Karolinska Institut. Dies mag auch für die bisherigen deutschen Vitamin D-Aufnahmeempfehlungen gelten, zumal sie zumindest bei Kindern wenig Auswirkungen auf den Vitamin D-Serumstatus in der Praxis gezeigt haben.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
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