Das Cannabis-Entzugssyndrom

Das Cannabis-Entzugssyndrom (CWS – Cannabis-Withdrawal Syndrome) – ein diagnostischer Indikator für eine Unterbrechung des Cannabiskonsums – tritt häufig bei Beendigung eines starken und regelmäßigen Cannabiskonsums auf. Über die Prävalenz des CWS ist noch wenig bekannt. Dies gilt auch für mögliche weitere suchterzeugende Substanzen, die in Verbindung mit dem CWS eingenommen werden. Die Autoren haben versucht, auf der Grundlage vorhandener Literatur eine Schätzung der Prävalenz des CWS bei Personen mit regelmäßigem Cannabiskonsum und die Identifizierung assoziierter Faktoren vorzunehmen.

Die Literatursuche wurde in den entsprechenden Datenbanken (MEDLINE, Embase, PsycINFO, Web of Science, dem kumulativen Index zur Pflege- und verwandten Gesundheitsliteratur, ProQuest, Alliierte und Komplementärmedizin und Psychiatrie online) bis zum 19. Juni 2019 durchgeführt und durch eine manuelle Suche der in den Referenzlisten enthaltenen weiteren Literaturhinweise ergänzt. Artikel wurden in die Auswahl übernommen, wenn sie in englischer Sprache veröffentlicht worden waren, ein observationales Studiendesign (z. B. Kohorten- oder Querschnittsstudie) verwendet hatten und über Personen mit regelmäßigem Cannabiskonsum und über die Prävalenz des CWS unter Verwendung eines validierten Instruments berichteten. Für die Analyse wurden die Daten aus den in die Auswertung übernommenen Volltextartikeln extrahiert. Die Prävalenz des Cannabis-Entzugssyndroms wurde mit Hilfe eines Meta-Analysemodells als Ergebnisziel ermittelt.

Von 3.848 identifizierten Abstracts wurden 86 für die Volltextüberprüfung ausgewählt, davon erfüllten 47 Studien mit 23.518 Teilnehmern (16.839 Weiße (72%) und 14.387 Männer (69%) mit einem medianen Alter von 29,9 ±9,0 Jahre) alle Einschlusskriterien. Die Gesamtprävalenz des CWS betrug 47% (95% KI 27%-37%), wobei die Heterogenität zwischen den Schätzungen mit I2 = 99,2% beträchtlich war (große Heterogenität >70%). Bei einer Stratifizierung nach Quellen unterschied sich die Prävalenz des CWS in den einzelnen Stichproben signifikant voneinander. Sie betrug 17% (95% KI 13%-21%; n=15 Studien; n=17475 Studienteilnehmer) in bevölkerungsbezogenen Stichproben, 54% in ambulanten Stichproben (95% KI 48%-59%; n=28 Studien; n=5684 Studienteilnehmer) und 87% in stationären Stichproben (95% KI 79%-94%; n=7 Studien; n=357 Studienteilnehmer P < 0.001). Cannabiskonsum (β = 0,005, P < 0,001), der mit Tabakkonsum (β = 0,002, P = 0,02) und mit dem Konsum weiterer Drogen (β = 0,003, P = 0,05) assoziiert waren ebenso wie der tägliche Cannabiskonsum (β = 0,004, P < 0,001) mit einer höheren CWS-Prävalenz assoziiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass das CWS bei regelmäßigem Konsum weit verbreitet ist. Kliniker sollten sich der Prävalenz bewusst sein, um Patienten zu beraten und zu unterstützen, die ihren Cannabiskonsum reduzieren oder beenden möchten.

Kommentar:

Cannabis und seine Derivate gehören zu den häufigsten illegal konsumierten Drogen. Es wird geschätzt, dass Cannabiskonsum und Cannabisabhängigkeit in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen haben. Trotz der weit verbreiteten Auffassung, dass Cannabis harmlos sei, zeigen Studien, dass Cannabiskonsum und -abhängigkeit psychosoziale Folgen hat. Zu den bekannten kurzfristigen Risiken gehören eine Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses, der motorischen Koordination und des Urteilsvermögens, die zur Paranoia und zu Psychosen führen können. Besonders der Cannabiskonsum im Jugendalter scheint, mit einem besonders hohen, lebenslangen Krankheitsrisiko verbunden zu sein. Eine Untersuchung von Fergusson und Boden zeigt, dass der frühe Konsum zwischen 14 und 21 Jahren den späteren Lebenslauf negativ beeinflusst. Zu den langfristigen Auswirkungen des Cannabiskonsums gehören die Sucht, eine veränderte Gehirnentwicklung, schlechtere Bildungsergebnisse, kognitive Beeinträchtigungen, verminderte Lebensqualität, ein erhöhtes Risiko für chronische Atemwegserkrankungen, psychotische Störungen, Verletzungen, Kraftfahrzeugunfälle und Selbstmord. Die Ergebnisse von Bahji et al. zeigen, dass Cannabisabhängigkeit unter regelmäßigen Konsumenten weit verbreitet ist. Dies gilt auch für andere Sucht erzeugende Substanzen, die häufig mit dem Cannabis Konsum assoziiert sind. Es gibt aber auch Hoffnung für die Betroffenen. Eine aktuelle Studie von Schuster et al. hat gezeigt, dass bereits eine einmonatige Cannabis-Abstinenz zu verbesserten Gedächtnisfunktionen führt. Es mag deshalb nie zu spät zu sein, den Konsum von Cannabis und anderen Sucht erzeugenden Substanzen zu beenden.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Bahji A et al. Prevalence of Cannabis Withdrawal Symptoms Among People with Regular or Dependent Use of Cannabinoids. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Netw. Open 2020; 3(4): e202370 Degenhardt L et al. The global burden of disease attributable to alcohol and drug use in 195 countries and territories, 1990-2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. Lancet Psychiatry. 2018; 5(12): 987-1012
Crean RD et al. Effects of chronic, heavy cannabis use on executive functions. J Addict Med 2011 Mar; 5(1): 9-15
Volkow ND et al. Adverse health effects of marijuana use. N Engl J Med 2014; 370(23): 2219-2227 Fergusson DM, Boden JM. Cannabis use and later life outcomes. Addiction 2008 Jun; 103(6): 969-967 Carvalho AF et al. Cannabis use and suicide attempts among 86,254 adolescents aged 12-15 years from 21 low-and middle-income countries. Eur Psychiatry 2019 Feb; 56: 8-13
Schuster RM et al. One Month of Cannabis Abstinence in Adolescents and young adults is Associated with Improved Memory. J Clin Psychiatry 2018 Oct 30; 79(6): 17m11977

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