Der Abfall mütterlicher Masern-Antikörper in den ersten Lebensmonaten. Wie lange hält der Schutz?

Säuglinge werden nach allgemeiner Vorstellung über die in der Schwangerschaft übertragenen mütterlichen Antikörper im ersten Lebensjahr gegen Masern-Erkrankungen ganz oder teilweise geschützt. In den meisten westlichen Ländern erhalten sie deshalb ihre erste Impfung gegen Masern erst im Alter von 12 bis 15 Monaten, da vorhandene mütterliche Masern-Antikörper den Aufbau eines Impfschutzes einschränken. Die mütterliche Immunität kann aber, wie mehrere aktuelle Studien zeigen, in einer Masern-freien Umgebung bereits früher nachlassen. Die Säuglinge sind dann schon früh einem erhöhten Masern-Erkrankungsrisiko und Masern-Komplikationen ausgesetzt. Die Autoren haben mit ihrer Studie die humorale Immunität gegen Masern bei Säuglingen unter 12 Monaten in der Provinz Ontario in Kanada untersucht.

Sie wählten hierzu Seren aus, die von Säuglingen (<12 Monate; Gestationsalter ≥37 Wochen) in einer tertiären Kinderklinik gesammelt wurden. Säuglinge mit Erkrankungen, die den Antikörperspiegel hätten beeinflussen können, wurden ausgeschlossen. Die Seren wurden mit dem Plaque-Reduktions-Neutralisationstest (PRNT) auf Masern-neutralisierende Antikörper untersucht. Die Prädikatoren für den Immunschutz der Säuglinge wurden mit Hilfe einer multivariablen logistischen Regression und der Poisson-Regression analysiert und bewertet.

Von 196 Kinderseren stammten 56% (110 von 196) von Jungen und 35% (69 von 196) von Säuglingen mit medizinischen Grunderkrankungen. Im ersten Monat wiesen bereits 20% (5 von 25) der Säuglinge Masern-Antikörper unterhalb der im PRNT definierten Schutzschwelle auf. Dieser Wert stieg bis zum Alter von 3 Monaten auf 92% (22 von 24). Nach 6 Monaten zeigten alle Säuglinge Titer unterhalb der Schutzschwelle. In der multivariablen Analyse war das Säuglingsalter der stärkste Prädiktor für die Masern-Empfänglichkeit (Odds Ratio = 2,13 für den monatlichen Anstieg; 95% KI 1,52-2,97).

Die meisten Säuglinge wiesen im Alter von 3 Monaten nur noch Masern-Antikörper unterhalb der definierten Schutzschwelle auf. Diese Ergebnisse tragen zur Diskussion über eine mögliche Expositionsprophylaxe noch nicht impffähiger Säuglinge und über den optimalen Zeitpunkt zur Masern-Impfung bei.

Kommentar:

In der Vergangenheit wurde überwiegend unterstellt, dass Säuglinge während eines Großteils ihres ersten Lebensjahres durch mütterliche Antikörper geschützt sind. Diese Studien wurden zu Zeiten durchgeführt, in denen Masern-Erkrankungen noch endemisch zirkulierten. Geimpfte und nicht geimpfte Mütter waren in diesen Gebieten wiederholten Masern-Kontakten ausgesetzt, was zu robusteren Antikörperspiegeln führte. In Maserneliminierungs-Settings findet keine endemische Übertragung des Masern-Virus mehr statt. Die meisten Frauen im gebärfähigen Alter besitzen deshalb angesichts fehlender natürlicher Boosterung nur noch Impfantikörper, die mit niedrigeren Antikörpertitern im Vergleich zur natürlichen Infektion assoziiert sind. Dies führt auch zu niedrigeren Antikörper-Titern bei ihren Neugeborenen, die dann nur noch über einen kürzeren Zeitraum durch mütterliche Antikörper geschützt werden können. Die aktuellen Ergebnisse von Science et al. zeigen, dass die meisten Säuglinge im Alter von 3 Monaten (92%) in Masern-freien Regionen wie Ontario bereits keinen passiven Masernschutz mehr besitzen. Die Ergebnisse dieser Studie entsprechen den bisher berichteten Ergebnissen für weitestgehend masernfreie Länder wie der Bundesrepublik Deutschland. Die aktuellen Meldedaten des RKI (Robert Koch-Institut) zur Masern-Epidemiologie in Deutschland belegen, dass die Masern-Inzidenz bei Kindern in den ersten beiden Lebensjahren deutlich höher liegt als in allen anderen Altersgruppen. Von 685 Säuglingen, die in den Jahren 2006–2015 in Deutschland an Masern erkrankten und deren Daten an das RKI übermittelt wurden, waren 5% <3 Monate, 28% 4-7 Monate und 67% 8-12 Monate alt. Die höher als erwartete Zeitspanne zwischen dem Verlust mütterlicher schützender Antikörper und der Masernimpfung macht Säuglinge länger anfälliger für Masern-Erkrankungen und ihre Komplikationen. Noch nicht impffähige Säuglinge <6 Monaten sind nicht mehr, wie früher noch angenommen werden konnte, vor Masern-Erkrankungen geschützt. Nach den STIKO-Empfehlungen sollte deshalb bei allen Kindern unter 6 Monaten bei Bekanntwerden eines Masernkontaktes eine sofortige Bestimmung der Masern-Antikörper vorgenommen und bei negativem Ergebnis (STIKO: das Ergebnis muss 3 Tage nach einer Exposition vorliegen) eine sofortige Immunglobulin-Prophylaxe durchgeführt werden. Säuglinge erhalten in der Regel entsprechend den Empfehlungen in Kanada wie in Deutschland erstmals im Alter von 12 Monaten einen masernhaltigen Impfstoff. Eine frühere Impfung zwischen 6 und 12 Monaten scheint sicher, aber weniger immunogen zu sein und wird bisher nur unter besonderen Voraussetzungen (nach möglicher Exposition) angewandt. Eine Impfung der Mutter ist während der Schwangerschaft ausgeschlossen. Die erfolgreiche Schließung vorhandener Impflücken in der Bevölkerung scheint somit die einzige Möglichkeit zu sein, Säuglinge vor einer frühen Masern-Erkrankung und den damit verbundenen Komplikationen zu schützen. Für die Praxis ist es wichtig zu wissen, dass die meisten Säuglinge schon in den ersten 3 Lebensmonaten keinen belastbaren mütterlichen Schutz gegen Masern mehr besitzen.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Science M et al. Measles Antibody Levels in Young Infants. Pediatrics 2019 Dec; 144(6). Pii e20190630
Jenks PJ et al. Maternally derived measles immunity in children of natural infected and vaccinated mothers. Epidemiol Infect 1988 Oct;101(2):473-476
De Serres G et al. Passive immunity against measles during the first 8 months of life of infants born to vaccinated mothers or to mothers who sustained measles. Vaccine 1997 Apr-May; 15(6-7): 620-623
Pabst F et al. Reduced measles immunity in in infants in a well-vaccinated population. Pediatr Infect Dis J 1992, 11(7): 525-529
RKI. Stellungnahme der STIKO: Fachliche Anwendungshinweise zur Masern-Postexpositionsprophylaxe bei Risikopersonen. Epid Bull 2017; 2:17-25; DOI 10.17886/EpiBull-2017-002.1

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