Die Auswirkungen einer saisonalen Vitamin D3 Supplementierung auf den Serum-Vitamin D-Status norditalienischer Kinder

Wir benötigen alle Vitamin D, um gesund zu bleiben. Wieviel wird aber immer noch kontrovers diskutiert. Die natürliche Vitamin D-Aufnahme und Synthese in der Haut hängt nicht nur vom Breitengrad des Wohnortes, sondern auch vom Lebensstil und dem individuellen genetischen Profil ab. Ob und bei welchem Serum-Vitamin D-Wert Kinder und Jugendliche eine Vitamin-D-Supplementierung erhalten sollten, wird in den einzelnen Ländern unterschiedlich beantwortet. Obwohl mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland einen mittleren Vitamin D-Status unter 20ng/ml (entsprechend <50nmol/L) aufweisen, was allgemein als Vitamin D-Mangel definiert wird, liegt nach der Einschätzung einer Expertenkommission am Bfarm in Deutschland kein Vitamin D-Mangel vor. Italienische Autoren haben errechnet, dass die Vitamin D-Aufnahme von 600-1000 IE Vitamin D3/Tag nicht ausreicht, um bei norditalienischen Kindern im Alter von >12 Monaten einen von einigen Fachgesellschaften als optimal angesehenen Serum 25-Hydroxyvitamin D-Status [25(OH)D] von mindestens 30ng/ml (75nmol/L) zu erreichen. Ziel dieser Studie war die Wirkung einer saisonalen Supplementierung mit 1500 IE (=37,5μg) Vitamin D3/Tag auf den 25(OH)D-Status nord-italienischer Kinder zu erfassen. In Italien werden keine Lebensmittel mit Vitamin D angereichert.

Die DINOS (D-VitamIN Oral Supplementation) Studie ist eine monozentrische, nicht randomisierte Fall-Kontroll-Registerstudie, die im Rahmen einer pädiatrischen Grundversorgung in der Nähe von Padua (Norditalien, 45° nördlicher Breite) in einem ländlichen Gebiet durchgeführt wurde. Analysiert wurden die zwischen November 2010 und Januar 2015 erhobenen Daten von 203 Kindern (Mädchen: Jungen 1:1,33) im Alter zwischen 2-15 Jahren. Die Interventionsgruppe A (n= 82) erhielt von November bis April 1500 IE Vitamin D3/Tag; die Kontrollgruppe B (n=121) erhielt keine Vitamin D-Supplementierung. Die Serum-25-(OH)D-Bestimmung wurde mit einem Chemilumineszenz-Immunoassay durchgeführt. Die beiden Gruppen A und B wurden in drei Altersgruppen, Vorschulkinder (2-5 Jahre), Schulkinder (6-10 Jahre) und Adoleszenten (11-15 Jahre) unterteilt. Der BMI (Body-Mass-Index) wurde erfasst. Etwa 25% der Studienteilnehmer waren Immigranten in der ersten Generation.

Der mittlere Serum-25(OH)D-Spiegel während des Studienzeitraums betrug 32 ±13ng/ml (entsprechend 80 ±32nmol/L) in Gruppe A versus 22 ±10ng/ml (entsprechend 55 ±25 nmol/L) in Gruppe B. In Gruppe A wiesen 12% der Probanden einen Vitamin D-Mangel 25(OH)D < 20ng/ml (50nmol/L) und 1,2% einen schweren Vitamin D-Mangel 25(OH)D <10 ng/ml (<25nmol/L) auf. In der Gruppe B zeigten entsprechend 46% der Teilnehmer einen Mangel und 9% einen schweren Vitamin-D-Mangel auf (P <0,001). In der Gruppe A waren außer im Mai die Durchschnittswerte über das ganze Jahr nahezu oder ganz normal. Die Gruppe B erreichte erst im Spätsommer einen mittleren 25(OH)D-Status von etwa 30ng/ml (75nmol/l). Nicht-weiße Kinder wiesen trotz Supplementierung eine dreifache erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Vitamin-D-Mangel auf.

Eine Vitamin-D-Supplementierung mit mindestens 1500 IE Vitamin D3/Tag von November bis April, vielleicht sogar mit einer Verlängerung bis Mai, scheint für Kinder in Norditalien sinnvoll zu sein. Höhere Dosen und längere Zeiträume sollten insbesondere bei Jugendlichen und nicht-weißen Kindern bedacht werden.

Kommentar:

Nachdem im letzten Jahrzehnt die Bestimmung des Vitamin D-Status auch für die Praxis möglich wurde, nahm das allgemeine Interesse an Vitamin D in der Grundversorgung zu. In vielen weltweit und auch in sonnenreichen Ländern durchgeführten Studien (z.B. Saudi-Arabien) konnte eine hohe Prävalenz für einen Vitamin D-Mangel nachgewiesen werden. Hiervon sind vor allem Säuglinge, Kinder, Schwangere, stillende Mütter, ältere Menschen und allgemein Personen betroffen, die einen höheren metabolischen Bedarf besitzen, die Sonne meiden oder ihren Körper aus kulturellen Gründen bedecken. Die Bedeutung von Vitamin D für den Aufbau und die Aufrechterhaltung der Knochenmineralisation ist seit den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt. Erst in den letzten zehn Jahren wurde die breite Wirkung von Vitamin D nicht nur für die Knochen, sondern auch für die allgemeine Gesundheit entdeckt. Vitamin D moduliert nicht nur die Knochenmineralisation, sondern reguliert und stabilisiert auch das Immunsystem. In tierexperimentellen und klinischen Studien wurde der Vitamin D-Mangel in den letzten Jahren mit einer Vielzahl von negativen gesundheitlichen Folgen wie Krebs, Autoimmunerkrankungen, Infektionen, Allergien, Asthma, Depressionen und dem kognitiven Abbau im Alter assoziiert. Der Vitamin D-Mangel wird immer noch unterschiedlich definiert, überwiegend gelten Werte von <20ng/ml (50nmol/L) als Mangel, Werte zwischen 20 bis 30ng/ml (75nmol/L) als suboptimal und Werte >30ng/ml als optimal. Werte >100ng/ml werden als Hypervitaminose bezeichnet.

Die neuen Erkenntnisse zu Vitamin D haben die Gesundheitsbehörden und internationalen Fachgesellschaften veranlasst, ihre Empfehlungen zur täglichen Vitamin-D-Aufnahme zu überdenken. Im Januar 2012 haben deshalb die Ernährungsgesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz (D-A-CH) ihre Vitamin-D-Aufnahmeempfehlungen für alle Altersgruppen neu definiert. Im ersten Lebensjahr werden 10 µg (entsprechend 400 IE) empfohlen, danach für alle anderen Altersgruppen 20 µg. Wie Studien an norditalienischen und deutschen Kindern zeigen, reichen die Empfehlungen zur täglichen Vitamin D-Aufnahme weder in Italien noch in Deutschland für einen suffizienten Vitamin D-Status von mindestens 30ng/ml (>75nmol/L) aus. Die Ergebnisse der Pilotstudie von Mazzoleni et al. zeigen, dass erst eine saisonale Vitamin D-Supplementierung nord-italienischer Kinder im Alter zwischen 2-15 Jahren mit 1500 IE/Tag (=37,5µg) zwischen November und April zu einer Normalisierung des ganzjährigen Serum-Vitamin D-Spiegels auf Werte über 30ng/ml führt. Diese Ergebnisse mögen zu Überlegungen führen, wie der allgemeine Vitamin D-Mangel besser als bisher durch Leitlinien verhindert werden kann. Hierzu mag sich eine ergänzende Supplementierung von Lebensmitteln (Milch, Cerealien, Öl), wie dies in den USA, Kanada, den skandinavischen Ländern und vor allem in Finnland bereits geschieht, anbieten. Eine ausreichender Vitamin D-Status scheint, wie die vorhandene Literatur widergibt, für die aktuelle und zukünftige Gesundheit aller Altersgruppen von großer Bedeutung zu sein.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Mazzoleni S et al. Effect of vitamin D3 seasonal supplementation with 1500 IU/day in north Italian children (DINOS study). Ital J Pediatr 2019 Jan 28; 45(1): 18
Stagi, S et al. Determinants of Vitamin D Levels in Italian Children and Adolescents: A Longitudinal Evaluation of Cholecalciferol Supplementation versus the Improvement Factors Influencing 25(OH)D Status. Int J Endocrinol 2014; 2014: 583039
Kunz C et al. No improvement in vitamin D status in German infants and adolescents between 2009 and 2014 despite public recommendations to increase vitamin D intake in 2012. Eur J Nutr May 18 [epub ahead of print]

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