Die vergleichende Wirksamkeit der einzelnen und der kombinierten Behandlung der Bell´schen Lähmung mit Steroiden und Aciclovir

Die Lähmung des Nervus facialis (BL, Bell´sche Lähmung) gehört mit zu den häufigsten, meist durch einen Infekt bedingten Nervenschädigungen im Gesichtsbereich. Die meisten Untersucher gehen davon aus, dass die Reaktivierung einer Herpes simplex Infektion die Hauptursache für die Lähmung eines Fazialisnerven darstellt, was aber bisher nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte. Die berichtete jährliche Inzidenz der BL beträgt 20-30 Fälle pro 100.000 Personen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Zur Behandlung stehen zwei Optionen zur Verfügung, die zum einen auf die Behandlung der Entzündung (Steroide) und zum anderen auf die Behandlung der unterstellten Virusinfektion (Virustatika) gerichtet sind.

Mit der aktuellen Netzwerk-Meta-Analyse versuchen die Autoren die Wirksamkeit einer Steroidtherapie, einer antiviralen Therapie sowie ihrer Kombination, zur Behandlung der BL zu ermitteln. Hierzu haben Sie eine systematische Suche in den PubMed und Embase-Datenbanken durchgeführt.

Von der Recherche konnten 23 Studien mit 4.623 Patienten in die Studie zur Auswertung übernommen werden. Im Hinblick auf die allgemeine klinische Besserung konnten in der paarweisen Netzwerk-Meta-Analyse keine signifikanten Unterschiede nachgewiesen werden. Die Kombination einer antiviralen mit einer steroidalen Behandlung war der Placebo-Therapie überlegen (OR = 3,25; 95% KI 1,23-8,61), obwohl weder für eine Steroidtherapie, noch für eine antivirale Monotherapie im Vergleich zur Placebo-Therapie ein signifikanter Nutzen nachgewiesen werden konnte. Die SUCRA-Ergebnisse (Surface Under the Cumulative Ranking – Werte zwischen 0 bis 100% [0 bis 1]) weisen nur für die Kombination einer antiviralen mit einer Steroidtherapie (SUCRA-Wert 0,96) Höchstwerte auf. Die Wahrscheinlichkeit, an erster Stelle im Ranking zu stehen, betrug 90%. Nur ein kleiner Unterschied wurde zwischen der Wirksamkeit einer steroidalen und antiviralen Behandlung beobachtet (SUCRA-Werte von 0,55 bzw. 0,36). Beide Werte waren immer noch besser als das Ergebnis für eine Placebo-Therapie (SUCRA-Wert von 0,134).

Die Kombination einer antiviralen und steroidalen Therapie führt zu signifikant besseren klinischen Ergebnissen als die Monotherapie mit Virustatika oder Steroiden. Die Wirksamkeit der Therapie mit Virustatika war der mit Steroiden vergleichbar. Alle 3 Therapien sind effektiver als die Behandlung mit einem Placebo.

Kommentar:

Die Bell’sche Lähmung (BL) ist eine akut auftretende, einseitige, periphere Fazialisparese, für die eine familiäre Bereitschaft beschrieben wird. Sie kann auch in Verbindung mit einem Melkersson-Rosenthal-Syndrom auftreten. Eine Reaktivierung des Herpes simplex Virus wird in den meisten Fällen vermutet, wobei wahrscheinlich auch weitere Viren, wie das Herpes zoster Virus (Ramsay-Hunt-Syndrom), das humane Immunodeficiency Virus, das Epstein Barr Virus und das Hepatitis B Virus mit dem Auftreten einer akuten Fazialisparese assoziiert sein können. Die vorhandenen Studien zeigen, dass sich unter der Behandlung bei 70% aller Patienten die Lähmungssymptome innerhalb von 6 Monaten vollständig zurückbilden, während bei 30% der Betroffenen danach immer noch Paresen und im weiteren Krankheitsverlauf Synkinesien und Spasmen der Gesichtsmuskulatur nachgewiesen werden können. Zwei Behandlungsoptionen, Steroide und/oder Virustatika, die auf die vermuteten pathogenetischen Ursachen zielen, werden diskutiert. Für Steroide wird seit Jahrzehnten vermutet, dass sie die Nervenschwellung und Nervenentzündung mindern und damit zur Wiederherstellung der Nervenfunktion beitragen. Virustatika wie Aciclovir und die bisher nur für Erwachsene zugelassenen Wirkstoffe Famciclovir und Valaciclovir werden unter der Vorstellung verordnet, dass die Ursache der Gesichtslähmung überwiegend auf eine primare Herpes simplex Infektion oder auch Re-Infektion zurückgeführt werden kann. Herpes simplex Viren konnten in einigen Fällen im Speichel und in der endoneuralen Flüssigkeit der Gesichtsnerven nachgewiesen werden. Die Kombination beider therapeutischen Optionen könnte eine Verbesserung der therapeutischen Wirksamkeit bedeuten, wie bereits eine randomisierte Doppelblind-Studie von Khedr et al. und jetzt die Netzwerk-Meta-Analyse (NMA) von Fu et al. ausweisen. Wie effektiv die einzelnen Behandlungen auch in ihrer Kombination sind, konnte bisher noch nicht mit einer zusammenfassenden Untersuchung gesichert werden. Die von den Autoren erstmals durchgeführte NMA weist ein zusammengefasstes Ranking für die Wirksamkeit aller drei Therapien (Steroide, Virustatika und Steroide plus Virustatika) zur Behandlung der BL im Vergleich zu einem Placebo aus. Hierbei besitzen Steroide und Virustatika eine annähernd gleiche Wirkung (SUCRA-SCORE 0,54 versus 0,36) und waren besser als ein Placebo (SUCRA-SCORE 0,13). In der Kombination erhöht sich die Wirksamkeit auf einen SUCRA-SCORE von 0.96.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Sun B et al. Facial palsy in Melkersson-Rosenthal-syndrome and Bell’s palsy: familial history and recurrence tendency. Ann Otol Rhinol Laryngol 2015 Feb; 124(2): 107-109
Yanagihara N et al. Familial Bell’s palsy: analysis of 25 families. Ann Otol Rhinol Laryngol Suppl. 1988 Nov-Dec; 137: 8-10
Fu X, Tang L, Wang C, et al. A Network Meta-Analysis to Compare the Efficacy of Steroid and Antiviral Medications for Facial Paralysis from Bell’s Palsy. Pain Physician. 2018 Nov;21(6):559-569
Khedr EM et al. Steroid/Antiviral for the treatment of Bell’s palsy: Double blind randomized clinical trial. Restor Neurol Neurosci 2016 Nov 22; 34(6): 897-905

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