Gibt es ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko für Frauen mit einem Vitamin D-Mangel, die älter als 55 Jahre sind?

In zahlreichen epidemiologischen Untersuchungen wurde ein inverser Zusammenhang zwischen höheren 25-Hydroxyvitamin D-Serumkonzentrationen [25(OH)D] und einem geringeren Brustkrebsrisiko nachgewiesen. Mit der aktuellen Studie haben die Autoren den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen 25(OH)D-Konzentrationen und dem Brustkrebsrisiko über einen weiten Bereich von 25(OH)D-Serumkonzentrationen bei Frauen im Alter von >55 Jahren untersucht.

Die Autoren verwendeten hierzu gepoolte Daten aus zwei randomisierten klinischen Studien (N = 1129, N = 2196) und einer prospektiven Kohorte (N = 1713), mit einem unterschiedlichen Spektrum an 25(OH)D-Serumkonzentrationen. Ergebnisziel war die Erfassung einer Brustkrebs-Diagnose während des Beobachtungszeitraums (Median: 4,0 Jahre). Hierzu wurden drei Analysen durchgeführt: 

  1. Die Brustkrebs-Inzidenzraten wurden die 25(OH)D-Konzentrationen von <20ng bis ≥ 60ng/ml (<50nmol/L bis ≥ 150nmol/L) verglichen,
  2. Kaplan-Meier-Plots wurden entwickelt und
  3. die multivariate Cox-Regression wurde verwendet, um die Assoziation zwischen 25(OH)D und Brustkrebsrisiko anhand mehrerer 25(OH)D-Messungen zu erfassen.

In der gepoolten Kohorte (N = 5038) wurden 77 Frauen mit Brustkrebs diagnostiziert (altersbedingte Inzidenz: 512 Fälle pro 100.000 Personenjahre). Die Ergebnisse waren für alle drei Analysen ähnlich:

  1. Der Vergleich der Inzidenzraten ergab eine 82% niedrigere Brustkrebs-Inzidenzrate für Frauen mit 25(OH)D-Konzentrationen ≥60 ng/ml im Vergleich zu <20 ng/ml (Rate Ratio = 0,18, P = 0,006).
  2. Die Kaplan-Meier-Kurven für Konzentrationen von <20 ng/ml, 20-39 ng/ml, 40-59 ng/mlund ≥60 ng/ml unterschieden sich signifikant voneinander (P = 0,02), wobei der höchste Anteil an Brustkrebs-freien Frauen in der ≥60 ng/ml-Gruppe (99,3%) und der niedrigste Anteil an Brustkrebs-freien Frauen in der <20 ng/ml-Gruppe (96,8%) nachgewiesen wurde. Der Anteil an Brustkrebs-freien Frauen war im Vergleich zwischen ≥60 ng/ml versus <20 ng/ml um 78% geringer (P = 0,02).
  3. Die multivariate Cox-Regression zeigte, dass Frauen mit 25(OH)D-Konzentrationen ≥60 ng/ml, unter Berücksichtigung von Alter, BMI (Body-Mass-Index), Rauchstatus, Kalziumzufuhr und Herkunft, ein 80% geringeres Brustkrebsrisiko aufwiesen als Frauen mit Konzentrationen <20 ng/ml (HR = 0,20, P = 0,03).

Höhere 25(OH)D-Konzentrationen waren mit einer Dosis-abhängigen Reduktion des Brustkrebsrisikos verbunden, wobei die Konzentrationen ≥60 ng/ml den meisten Schutz boten.

Kommentar:

Brustkrebs gehört neben Hautkrebs zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen. Mehr als 252.000 neue Fälle an Brustkrebs bei Frauen und 40.600 Brustkrebs-Todesfälle wurden 2017 in den Vereinigten Staaten registriert. Während Früherkennung und verbesserte Behandlungsstrategien die Sterblichkeitsrate reduziert haben, konnte die Inzidenz der Brustkrebs-Erkrankungen in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich beeinflusst werden. Es bleibt das Ziel, wirksame präventive Strategien zur Verringerung der Brustkrebshäufigkeit zu entwickeln. Die Ergebnisse epidemiologischer Studien von Gorham et al. und Garland et al. ließen erstmals vermuten, dass Vitamin D einen hemmenden Einfluss auf das Brustkrebs-Erkrankungsrisiko ausüben könnte. Seitdem werden die komplexen molekularbiologischen Abläufe, mit denen Vitamin D die Entstehung und das Wachstum von Brustkrebs beeinflusst, besser verstanden, bleiben aber in weiten Bereichen immer noch ungeklärt. Nicht nur niedrige Vitamin D-Serumspiegel, sondern auch Polymorphismen im Vitamin D-Rezeptor-Gen scheinen unabhängig voneinander, das Brustkrebsrisiko zu beeinflussen. In wenigen Studien wurde bisher die Brustkrebs-Vitamin D-Verbindung für Serumkonzentrationen >40 ng/ml untersucht. Die Ergebnisse der aktuellen Studie von McDonnell et al. zeigen, dass Vitamin D-Serumspiegel ≥60 ng/ml die höchste Schutzwirkung für Frauen >55 Jahre zeigen und diese dosisabhängig von Werten <20 ng/ml bis auf Werte ≥60 ng/ml ansteigt. Der Einfluss von Vitamin D auf das Brustkrebsrisiko jüngerer Frauen bleibt in dieser Studie ungeklärt. Die bisherigen Empfehlungen für einen ausreichenden Vitamin D-Status von 20 ng/ml (50nmol/L) basieren auf den Ergebnissen des amerikanischen Institute of Medicine (IOM) für die Knochenmineralisation und berücksichtigen keine weiteren Einflüsse. Bundesdeutsche Daten belegen, dass selbst diese Werte von über 60% der Erwachsenen nicht erreicht werden, sie also definitionsgemäß keinen ausreichenden Vitamin D-Status (sprich: Mangel) besitzen. Das reicht, wenn wir den plausiblen Ergebnissen von McDonnell und anderer Autoren folgen, sicher nicht aus, um für Frauen im Alter von >55 Jahren das Brustkrebsrisiko zu verringern. Vitamin D-Mangel scheint aber nicht nur das Brustkrebsrisiko, sondern auch seine Prognose zu verschlechtern. Angesichts der großen Bedeutung der Brustkrebsprävention sollte der Einfluss von Vitamin D-Serumspiegeln auf die Brustkrebs-Inzidenz in weiteren, kontrollierten Studien bestätigt werden.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: McDonnell, SL et al. Breast cancer risk markedly lower with serum 25-hydroxyvitamin D concentrations ≥60 vs <20 ng/ml (150 vs 50 nmol/L): Pooled analysis of two randomized trials and a prospective cohort. PLoS One 2018 Jun 15; 13(6): e0199265
Gorham, ED et al. Sunlight and breast cancer incidence in the USSR. Int J Epidemiol 1990 Dec; 19(4): 820-824
Garland, FC et al. Geographic variation in breast cancer mortality in the United States: a hypothesis involving exposure to solar radiation. Prev Med 1990 Nov; 19(6): 614-622
Narvaez, CJ et al. The impact of vitamin D in breast cancer: genomics, pathways, metabolism. Front Physiol 2014 Jun 13; 5:213
Lowe, LC et al. Plasma 25-hydroxy vitamin D concentration, vitamin D receptor genotype and breast Cancer risk in a UK Caucasian population. Eur J Cancer 2005 May; 41(8): 1164-1169
Garland, CF et al. Vitamin D and prevention of breast cancer: pooled analysis. J Steroid Biochem Mol Biol 2007 Mar; 103(3-5): 708-711
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Gemeinsame Expertenkommission zur Einstufung von Stoffen. Stellungnahme zu Vitamin D-haltigen Produkten (01/2016) Revision 1.1 (2017). Download 04.11.18 https://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelzulassung/ZulassungsrelevanteThemen/Abgrenzung/Expertenkommission/stellungnahmen/_node.html
De Sousa Almeida-Filho, B et al. Vitamin D deficiency is associated with por breast cáncer prognostic features in postmenopausal women. J Steroid Biochem Mol Biol 2017 Nov; 174: 284-289

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