Gibt es eine Verbindung zwischen der kognitiven Reserve und dem Demenz-Risiko? 

Das Konzept der kognitiven Reserve (KR) ist ein Marker und weist den Weg zum Verständnis der im Leben angesammelten kognitiven Leistungen. Die erworbene KR scheint sich dem kognitiven Abbau zu widersetzen. Dieses Konzept wurde in der Folge von Beobachtungen entwickelt, als erkannt wurde, dass Verstorbene bei der Hirn-Autopsie Zeichen einer fortgeschrittenen Alzheimer-Krankheit aufwiesen, zu Lebzeiten aber keine Zeichen für eine Demenz vorhanden waren. Welche Rolle spielt die im Laufe des Lebens angesammelte kognitive Reserve (KR) für die Entwicklung einer Demenz? Ist sie ein Surrogatmarker für Ausbildung und Intelligenz? Die Autoren der aktuellen Studie haben die Verbindung zwischen der lebenslang gesammelten kognitiven Reserve und dem Demenz-Risiko untersucht.

Die Studie verwendete Daten von 2.022 Teilnehmern, die am „Rush Memory and Aging Project“, einer laufenden populationsbasierten Kohortenstudie mit jährlichem Follow-up von 1997 bis 2018 (mittlerer Follow-up 6 Jahre; maximaler Follow-up 20 Jahre) teilgenommen hatten. Daten von 1.602 zum Studienbeginn identifizierten, demenzfreien Erwachsenen, für die Indikatoren zur kognitiven Reserve (Ausbildung, kognitive Aktivitäten, soziale Aktivitäten) vorlagen, wurden in die Studie aufgenommen und ausgewertet. Die Verbindungen zwischen der kognitiven Reserve, der Demenz und den hirnpathologischen Veränderungen konnten bei 611 während des Follow-ups verstorbenen Studienteilnehmern untersucht werden. Die Assoziation von KR mit Demenz und hirnpathologischem Befund wurde mit Hilfe von Cox-Regressionsmodellen oder logistischer Regression bestimmt.

Von den 1602 Studienteilnehmern waren 1216 (75,9%) Frauen (mittleres Alter 79,6 ±7,5 Jahre). Während des Follow-ups entwickelten 386 Teilnehmer eine Demenz (24,1%), davon 357 Teilnehmer eine Alzheimer-Demenz (22,3%). Die angepassten Hazards-Ratios (HRs) für eine Demenz betrugen 0,77 (95% KI [Konfidenzintervall] 0,59-0,99) für Teilnehmer im mittleren KR-Score-Tertil und 0,61 (95% KI, 0,47-0,81) im höchsten KR-Score-Tertil im Vergleich zu denen im niedrigsten KR-Score-Tertil. Bei den autopsierten Teilnehmern war die KR nicht mit den häufigsten hirnpathologischen Veränderungen assoziiert. Die Verbindung zwischen KR und Demenz blieb auch nach Berücksichtigung der hirnpathologischen Befunde signifikant (HR 0,60; 95% KI 0,42-0,86). Der höchste KR-Score war selbst bei Teilnehmern, die hohe Alzheimer-typischen Hirnveränderungen (HR 0,57; 95% KI 0,37-0,87) oder größere Hirninfarkte aufwiesen (HR 0,34; 95% KI 0,18-0,62), mit einer Verringerung des Demenzrisikos verbunden.

Eine hohe, über die Lebenszeit mit stimulierenden mentalen und sozialen Aktivitäten angesammelte KR, ist selbst bei hirnpathologischen Veränderungen mit einer Verringerung des Demenzrisikos verbunden.

Kommentar:

Die kognitive Reserve (KR) ist ein für das Verständnis der kognitiven Gesundheit wichtiges Konzept. Wie ein leistungsstarkes Auto, das es ermöglicht, einen anderen Gang einzulegen und plötzlich zu beschleunigen, um ein Hindernis zu umgehen, kann das Gehirn die Funktionsweise bei einer hohen kognitiven Reserve ändern und zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stellen, um aktuelle Herausforderungen zu bewältigen. Die kognitive Reserve wird durch lebenslange Bildung und Neugierde entwickelt, um dem Gehirn zu helfen, besser mit Misserfolgen fertig zu werden oder sie zu verringern. Mit dieser prospektiven Studie konnten die Autoren bestätigen, dass durch eine frühe Bildung und lebenslange kognitive und soziale Aktivitäten eine kognitive Reserve (KR) angehäuft wird, die mit einer aktivitätsabhängigen Verringerung des Demenzrisikos im Alter verbunden ist. Für eine hohe KR wurde selbst bei Belastung mit Alzheimer-(AD)-typischen ß-amyloiden und zentralen Gefäßveränderungen keine Erhöhung des Demenzrisikos nachgewiesen. Neuropathologische und bildgebende Studien hatten bereits in der US-amerikanischen Nonnen-Studie gezeigt, dass beträchtliche AD-bezogene Hirnveränderungen ohne klinische Symptome toleriert werden können. Die KR war nicht mit den meisten hirnpathologischen Veränderungen assoziiert. Die Ergebnisse stützen die älteren Ergebnisse der Nonnen-Studien und der Lothian Geburtskohorten Studien des Jahrgangs 1921. Auch die aktuelle Studie von Xu et al. bestätigt diese Ergebnisse. Ein aktives und kognitiv anspruchsvolles Leben, in dem eine KR aufgebaut wird, mindert das Demenz-Risiko im Alter. 

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Xu H et al. Association of Lifespan Cognitive Reserve Indicator with Dementia Risk in the Presence of Brain Pathologies. JAMA Neurol 2019 Jul 14 [epub ahead of print]
Stern Y. Cognitive reserve in ageing and Alzheimer’s disease. Lancet Neurol 2012 Nov; 11(11): 1006-1012
Gow AJ et al. Lifecourse Activity Participation from Early, Mid, and Later Adulthood as Determinants of Cognitive Aging: the Lothian Birth Cohort 1921. J Gerontol B Psychol Sci Soc Sci 2017 Jan; 72(1): 25-37
Snowdon DA; Nun Study. Healthy aging and dementia: findings from the Nun Study. Ann Intern Med 2003 Sep 2; 139(5): 450-454

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