Hilft die Homöopathische Behandlung bei der Prävention und Therapie akuter Atemwegsinfektionen im Kindesalter?

Akute Atemwegsinfektionen (ARTIs - acute respiratory tract infections) sind weit verbreitet und können zu Komplikationen führen. Die meisten Kinder erleben zwischen drei und sechs ARTIs pro Jahr. Obwohl diese Infektionen selbstlimitierend sind, können die Symptome beunruhigend sein. Viele Behandlungen werden eingesetzt, um Symptome und Beschwerden zu kontrollieren. Die meisten Medikamente besitzen nur einen minimalen Nutzen und können allenfalls noch zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Oral eingenommene homöopathische, nebenwirkungsfreie Arzneimittel könnten eine Rolle im ARTI-Management im Kindesalter spielen, wenn der entsprechende Nachweis ihrer Wirksamkeit erbracht würde. In der von den Autoren durchgeführten Meta-Analyse wurde die Wirksamkeit und Sicherheit oral verabreichter homöopathischer Arzneimittel im Vergleich zu Placebo oder konventioneller Therapie zur Vorbeugung und Behandlung akuter Atemwegsinfektionen bei Kindern untersucht.

Zur Literatur-Recherche wurden die zugänglichen relevanten Datenbanken durchsucht, um entsprechende Artikel zu identifizieren (CENTRAL 2017, Ausgabe 11 einschließlich des Cochrane Acute Respiratory Infections Specialised Register, MEDLINE (1946 bis 27. November 2017), Embase (2010 bis 27. November 2017), CINAHL (1981 bis 27. November 2017), AMED (1985 bis Dezember 2014), CAMbase (29. März 2018), British Homeopathic Library (26. Juni 2013 - nicht mehr in Betrieb, die Register der WHO ICTRP und ClinicalTrials.gov Studien (29. März 2018)) durchsucht. Dabei wurden Referenzen überprüft und, falls notwendig, auch Studienautoren kontaktiert.

Zu den Selektionskriterien zählten doppelblind-durchgeführte, randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) oder doppelblinde Cluster-RCTs, die orale Homöopathie-Medikamente mit identischen Placebo- oder selbstausgewählten konventionellen Behandlungen verglichen hatten, um ARTIs bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 0 bis 16 Jahren zu verhindern oder zu behandeln. Die Datensammlung und Datenanalyse wurden nach den Cochrane-Methoden durchgeführt.

Die Autoren konnten acht RCTs (N=562 Kinder) in die Auswertung übernehmen, in denen eine orale homöopathische Arzneimittel-Behandlung mit einer Kontrollbehandlung (Placebo oder konventionelle Behandlung) zur Therapie von Infektionen der oberen Atemwege (URTIs) eingesetzt wurden. Vier Studien untersuchten die Wirkung auf die Genesung von Atemwegsinfekten. Die restlichen vier Studien untersuchten die Wirkung auf die Prävention von URTIs nach ein bis drei Monaten Behandlung, die für den Rest des Jahres fortgesetzt wurde. Zwei Behandlungs- und zwei Präventionsstudien betrafen Homöopathen, die die Behandlung individualisierten. Die anderen Studien verwendeten vorgegebene, nicht individualisierte Behandlungen. Die Autoren fanden mehrere Einschränkungen bei den eingeschlossenen Studien, insbesondere methodische Inkonsistenzen und hohe Fluktuationsraten, Nichtdurchführung von Intention-to-Treat-Analysen, selektive Berichterstattung und Protokollabweichungen. Drei Studien wiesen ein hohes statistisches Verzerrungsrisiko (Bias) in mindestens einem Bereich auf, viele hatten zusätzliche Bereiche mit unklarem Bias. Drei Studien wurden von Herstellern homöopathischer Medikamente finanziert, eine Studie von einer Nichtregierungsorganisation, zwei von einer staatlichen Einrichtung, eine wurde von einer Universität mitfinanziert, zu einer Studie wurden keine Angaben gemacht. Methodische Inkonsistenzen und signifikante klinische und statistische Heterogenität verhinderten eine robuste quantitative Metaanalyse. Nur vier Ergebnisse waren für mehr als eine Studie gemeinsam und konnten für die Analyse kombiniert werden. Die Quotenverhältnisse (OR) waren im Allgemeinen klein mit breiten Konfidenzintervallen (KI).  Die beitragenden Studien zeigten widersprüchliche Effekte, so dass sich wenig Sicherheit für die Wirksamkeit einer Intervention zeigte. Alle Studien, die als verzerrungsfrei eingestuft wurden, zeigten keinen Nutzen homöopathischer Arzneimittel. Nur in Studien mit unsicherem und hohem Verzerrungsrisiko (Bias-Risiko) wurde über positive Wirkungen berichtet. Es konnten keine belastbaren Beweise für die Überlegenheit der individualisierten homöopathischen Arzneimittel-Therapie zur Prävention von ARTIs nachgewiesen werden (OR 1,14, 95% KI 0,83 bis 1,57). Mit zwei individualisierten Präventionsstudien konnte auch nicht gesichert werden, dass homöopathische Arzneimittel den Bedarf an Antibiotika beeinflussen (N = 369) (OR 0,79, 95% KI 0,35 bis 1,76). Unerwünschte Ereignisse, Krankenhaus-Aufenthalte und -Aufenthaltsdauer, Schulferien und Lebensqualität konnten wegen einer unzureichenden Datenlage nicht bewertet werden. Die Zusammenführung von zwei Präventions- und zwei Behandlungsstudien zeigte im Vergleich zu Placebo insgesamt keinen Nutzen von homöopathischen Arzneimitteln zur Behandlung und Therapie akuter Atemwegsinfekte im Kindes- und Jugendalter.

Kommentar:

Der scheinbare Gegensatz zwischen alternativer Medizin und Schulmedizin wird immer noch kontrovers diskutiert. Es mag für viele Kinderärzte nicht nachvollziehbar sein, warum Eltern mit ihren Kindern einen Heilpraktiker aufsuchen, dem sie vielleicht mehr vertrauen als ihrem Kinderarzt und den sie dazu noch extra bezahlen müssen. Warum hat der Zuspruch zur Homöopathie und anderen alternativen Behandlungsverfahren in der Bevölkerung weltweit trotz des medizinischen Fortschritts zugenommen? Was macht die Homöopathie für viele Bevölkerungsgruppen so attraktiv, mag sich der von Bürokratie, Fortbildungsauflagen und Quality Management geplagte und gegängelte Mediziner fragen? Denn biologisch ist das Wirkprinzip der Homöopathie nicht plausibel. Vielleicht weil homöopathische Arzneimittel von Eltern als „natürlich“, risikoarm, wirksam und deshalb für Kinder als besonders geeignet wahrgenommen werden. Viele Kinderärzte setzen in ihrer Praxis homöopathische Behandlungsverfahren ein und kommen damit den Wünschen mancher Eltern entgegen, die von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt sind. Alle Bemühungen, einen nachvollziehbaren Wirksamkeits-Nachweis zu erbringen, sind bisher aus wissenschaftlicher Sicht gescheitert, was durch die aktuelle Meta-Analyse von Hawke et al. bestätigt wird. Die eigenen Erfahrungen zeigen, dass Patienten, die sich für alternative Behandlungsverfahren entscheiden, sich nur schwer von ihrer Überzeugung, ihrem „Glauben“, abbringen lassen. Warum auch? Was spricht in der Praxis dagegen, als wissenschaftlich orientierter Arzt ein meist preiswertes, nebenwirkungs- und risikofreies homöopathisches Medikament zu tolerieren, wenn dies gewünscht wird und wenn nichts medizinisch Wesentliches in der „evidenzbasierten“ Therapie unterlassen wird. Der Glaube an die Wirksamkeit des alternativen therapeutischen Verfahrens mag zumindest gefühlt zur Genesung beitragen. Die meisten Bagatellerkrankungen heilen ohnehin von selbst aus und bedürfen keiner besonderen Therapie. “The desire to take medicine is perhaps the greatest feature which distinguishes man from animals”. Der berühmte Internist Sir William Osler hat dies bereits früh erkannt.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Hawke, K et al. Homeopathic medicinal products for preventing and treating acute respiratory tract infections in children. Cochrane Database Syst Rev 2018 Sep 9; 9:CD005974
William Osler Quotes. (n.d.). BrainyQuote.com. Retrieved September 15, 2018, from BrainyQuote.com Website: https://www.brainyquote.com/quotes/william_osler_159327

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