Jedes Kind kostet einen Zahn. Fakt oder Fiktion?

Zahnerkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Zahnverlust kann die Lebensqualität belasten. Der Volksmund sagt, dass jedes Kind die Mutter einen Zahn koste. Beobachtungen scheinen dies zu bestätigen. Mütter mit mehreren Kindern weisen mehr fehlende Zähne auf als Mütter mit weniger Kindern. Diese, sich auf Beobachtungen beziehende Hypothese konnte bisher noch nicht zweifelsfrei belegt werden und wurde in einer aktuellen quasi-experimentellen Studie von den Autoren überprüft.

Unter Verwendung eines zweistufigen methodischen Ansatzes zur Auswertung der Querschnittsdaten aus dem „Survey of Health, Ageing, and Retirement in Europe“(SHARE) wurde nach einem kausalen Zusammenhang zwischen dem natürlichen Zahnstatus biologischer Eltern und der vorhandenen Kinderzahl gesucht. In die Studie (Datenerhebung 2013; Teil der SHARE-Studie) wurden 34.843 nicht institutionalisierte Personen ab 50 Jahren aus 14 europäischen Ländern und Israel eingeschlossen. Dabei nutzten die Untersucher zufällige Variationen in der Familiengröße, die sich aus der Geburt von Mehrlingsgeburten im Vergleich zu Einzelgeburten und der Geschlechtszusammensetzung der beiden erstgeborenen Kinder (erhöhte Wahrscheinlichkeit eines dritten Kindes, wenn die beiden erstgeborenen Kinder das gleiche Geschlecht hatten) ergaben.

Mit zweistufigen Regressionsanalysen konnte ein starker Zusammenhang zwischen der Anzahl der Kinder und der Zähne bei Frauen, aber nicht bei Männern, nachgewiesen werden, wenn, nachdem die ersten beiden Kinder das gleiche Geschlecht aufwiesen, eine zusätzliche Geburt stattfand. Frauen hatten dann durchschnittlich 4,27 (95% KI 1,08 bis 7,46) weniger Zähne als Frauen ohne zusätzliche Geburt, deren erste beide Kinder unterschiedliche Geschlechter hatten. Bei Männern zeigte sich kein Einfluss auf den Zahnstatus.

Diese quasi-experimentelle Studie liefert neue Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Zahl der Kinder und der Zahl der fehlenden mütterlichen Zähne. Eine zusätzliche Geburt kann sich nachteilig auf die orale Gesundheit der Mutter, nicht aber auf die des Vaters, auswirken.

Gabel, F et al. Gain a child, lose a tooth? Using natural experiments to distinguish between fact and fiction. J Epidemiol Community Health 2018 Jun; 72(6): 552-556
Gerritsen, AE et al. Tooth loss and oral health-related quality of life: a systematic review and meta-analysis. Health Qual Life Outcomes 2010; 8:126

Kommentar:

Der Volksmund dürfte mit seiner Vermutung Recht haben, dass jedes Kind die Mutter einen Zahn kostet, wie die aktuelle quasi-experimentelle Untersuchung belegt. Mit einer Medline Recherche konnten nur wenige Studien (Suchformulierung „natural teeth and parity“ 8 Hits, davon 6 Themen-relevant) gefunden werden. Bereits 1987 wurde die Verbindung zwischen der Parität und der oralen Gesundheit bei drei Alters-Kohorten 70-Jahre-alter Göteborger Bürgerinnen (n= 713) in Abhängigkeit von der Anzahl ihrer jeweiligen Kinder im Vergleich zu 660 Männern in derselben Kohorte untersucht. In allen drei Kohorten nahm die Anzahl der vorhandenen natürlichen Zähne in Abhängigkeit der zur Welt gebrachten Kinder ab. Signifikant mehr Frauen mit einer hohen Kinderzahl waren zahnlos im Vergleich zu allen anderen Gruppen. Die Anzahl der intakten Zähne war bei Frauen, die geboren hatten, niedriger als bei Frauen, die nicht geboren hatten. Eine Verbindung zwischen Parität und oraler Gesundheit wurde in allen drei Kohorten nachgewiesen. Eine spätere Göteborger Studie, eine koreanische und eine japanische Studie bestätigen diesen Zusammenhang. Eine weitere koreanische Studie sieht einen Zusammenhang zwischen Stillen und Zahnverlust. Die vorhandenen Studien bestätigen einen Zusammenhang zwischen Parität und Zahnverlust-Risiko. Obwohl die Frage in den vorhandenen wenigen Studien nicht untersucht wurde und der Bestätigung bedarf, dürfte es nicht abwegig sein, einen Zusammenhang zwischen Zahnverlust und mütterlichem Vitamin D-Status zu vermuten.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Gabel, F et al. Gain a child, lose a tooth? Using natural experiments to distinguish between fact and fiction. J Epidemiol Community Health 2018 Jun; 72(6): 552-556
Rundgren, A, Osterberg, T. Dental health and parity in three 70-year-old cohorts. Community Dent Oral Epidemiol 1987 Jun; 15(3): 134-136
Halling, A, Bengtsson, C. The number of children, use of oral contraceptives and menopausal status in relation to the number of remaining teeth and the periodontal height. A population study of women in Gothenburg, Sweden. Community Dent Health 1989 Mar; 6(1): 39-45
Han, K et al. Associations between the number of natural teeth and the maternal age at childbirth or history of parity in postmenopausal women: The 2010-2012 Korea national health and nutrition examination survey. Adv Clin Exp Med 2017 Jul, 26(4): 627-633
Ueno, M et al. Association between parity and dentition status among Japanese women: Japan public health center-based oral health study. BMC Public Health 2013 Oct 22; 13: 993
Han, K et al. Associations between the number of natural teeth in postmenopausal women and duration of lactation: The 2010-2012 Korea National Health and Nutrition Examination Survey. Maturitas 2016 Mar; 85: 73-78

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