Können Endocannabinoide, die sich von Omega-3-Fettsäuren ableiten, schwere Depressionen beeinflussen?

Aktivierte zentrale Cannabinoid-Rezeptoren sind an der Aufrechterhaltung der Körper-Homöostase beteiligt. Sie werden nicht nur durch Cannabinoide, die die aktiven Bestandteile von Cannabis sativa enthalten, aktiviert, sondern auch durch Endocannabinoide (ECB). ECB werden endogen aus den mehrfach ungesättigten Fettsäuren Omega-6 und Omega-3 (PUFAs) synthetisiert. Der Verzehr von Omega-3-Fettsäuren verschiebt das metabolische Gleichgewicht in Richtung eines höheren Anteils an Omega-3-ECB, die in die Regulation emotionaler Prozesse eingreifen und deren physiologische Funktionen weiterer Untersuchungen bedürfen. Die Autoren haben mit ihrer Studie die Auswirkungen von Omega-3-PUFAs (polyunsaturated fatty acids) auf Serum-EC und Depressionen untersucht.
Hierzu führten sie eine 12-wöchige, doppelt-verblindete, randomisierte kontrollierte Studie (ohne Placebo) mit 88 Patienten durch, die an einer schweren depressiven Störung (MDD – major depressive disorder) litten. Die Studienteilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip mit Eicosapentaensäure (EPA, 3,0 g/Tag), Docosahexaensäure (DHA, 1,4 g/Tag) oder einer Kombination aus EPA (1,5 g/Tag) und DHA (0,7 g/Tag) behandelt. Fünfundachtzig Teilnehmer beendeten die Studie. Bei den Teilnehmern wurden die Serum-EC-Werte (pmol/mL) gemessen und der klinische Verlauf mit der HAMD-Skala (Hamilton Depression Scale) durch zwei Untersucher unabhängig voneinander erfasst.

Die demographischen (Alter, Geschlecht, Ausbildung, Ehestatus) und psychiatrischen Daten (Familienvorgeschichte, HAMD-Skalenwerte, Häufigkeit schwerer Depressionen) waren zwischen allen 3 Gruppen vergleichbar. Die kumulativen Raten für eine klinische Remission der Depression (log-rank Test) waren sowohl in der EPA-Gruppe als auch in der EPA/DHA-Gruppe signifikant höher als in der nur mit DHA supplementierten Gruppe (51,85 und 53,84 vs. 34,37%; p =0,027 bzw. p =0,024). EPA- und EPA/DHA-Behandlungen erhöhten auch die Eicosapentaenoylethanolamid (EPEA)-Werte im Vergleich zur alleinigen DHA-Gabe (0,33 ± 0,18 und 0,35 ± 0,24 vs. 0,08 ± 0,12; p =0,002 bzw. p =0,001). Entsprechend erhöhten sich auch die Docosahexaenoylethanolamid-Werte (DHEA) unter der kombinierten EPA/DHA-Behandlung im Vergleich zur alleinigen EPA-Behandlung (1,34 ± 2,09 vs. 0,01 ± 1,79; p =0,006). Nach der Behandlung waren die EPA, DHA und EPA/DHA-Plasmaspiegel in allen Gruppen erhöht. Höhere Plasma EPEA-Werte konnten nur in der EPA- und EPA/DHA-Gruppe, nicht in der DHA-Gruppe nachgewiesen werden. Die DHAE-Werte waren höher in der EPA/DHA-Gruppe als in der EPA-Gruppe. Die Plasma-EPEA-Werte waren positiv mit einer klinischen Remission korreliert (Hazard Ratio 1,60; 95% Konfidenzintervall [KI] 1,08-2,39). Die nach der Behandlung von Omega-6 Fettsäure abgeleiteten EC (ALEA-Plasmaspiegel – alpha-linolenoylethanolamid) zeigten keine Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen.

Eine mit EPA angereicherte Supplementierung erhöht die Plasma-EPEA-Spiegel und ist mit einer klinischen Remission verbunden. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass höhere Plasma-EPEA-Spiegel einen möglichen therapeutischen Einfluss bei MDD besitzen.

Kommentar:

In den letzten 20 Jahren hat das Interesse der Psychiatrie an der Ernährung zugenommen. Sie wird als ein zunehmend wichtiger Faktor in der Prävention und Therapie von psychischen Erkrankungen wahrgenommen. Viele Studien haben zu großen Fortschritten und Erkenntnissen zur Bedeutung der Ernährung für die psychische, aber auch allgemeine Gesundheit geführt. In diesem Zusammenhang hat die Entdeckung der pleiotropen Wirkung des Endocannabinoid-Systems und seiner Verbindung zu essentiellen ungesättigten Fettsäuren das wissenschaftliche Interesse geweckt. Endocannabinoide (ECB) sind endogen gebildete, sich von ungesättigten Omega-6 und Omega-3 Fettsäuren (n-3-PUFA) ableitende Verbindungen, die eine Affinität zu Cannabinoid-Rezeptoren besitzen (Cannabinoid 1 und Cannabinoid 2 Rezeptoren – CB1R/CB2R). Die bisher am besten untersuchten EC leiten sich von der Arachidonsäure, einer Omega-6 Fettsäure ab. Beide PUFA-Derivate, Anandamid (AE) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG) scheinen, wie vorläufige Studien zeigen, eine anxiolytische Wirkung zu besitzen. Schwere Depressionen (MDD – major depressive disorder) gehören zu den chronischen, rezidivierenden, schwer verlaufenden psychischen Erkrankungen. Sie betreffen weltweit mehr als 300 Millionen Menschen und sind mit einer hohen Beeinträchtigung der Lebensqualität und einer hohen Selbstmordrate verbunden. Derzeit stehen zahlreiche konventionelle Antidepressiva mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismen zur Verfügung. Ihre klinische Wirksamkeit ist bei einem heterogenen Krankheitsbild unterschiedlich, oft nur gering und nicht garantiert. Außerdem sind sie mit möglichen Nebenwirkungen verbunden. Bisherige Meta-Analysen und klinische Studien haben gezeigt, dass Omega-3 Fettsäuren (PUFAs – polyunsaturated fatty acids), vor allem als Eicosapentaensäure (EPA) im Vergleich zur Pharmakotherapie ein ergänzender, nebenwirkungsarmer therapeutischer Ansatz zur Behandlung von Depressionen sein könnten. Mit Tierversuchen konnte eine Beteiligung von Omega-3 PUFAs an der Regulation psychischer Belastungen nachgewiesen werden, die mit Veränderungen der von PUFAs abgeleiteten EC-Werte im Gehirn und im Blut assoziiert waren. Eine zweiwöchige DHA-Gabe in Ergänzung zur normalen Nahrung erhöhte den DHEA-Spiegel im Gehirn und im Blutplasma der Maus. In ihrer aktuellen randomisierten Studie haben Yang et al. von PUFA abgeleitete ECB-Biomarker bei MDD-Patienten untersucht, um die antidepressiven Effekte jeweils zwischen EPA-, DHA- und DHA/EPA zu vergleichen. Sie konnten ihre Hypothese bestätigen, dass die von Omega-3-PUFA abgeleiteten EC-Blutplasma-Spiegel von EPEA und DHEA einen positiven Einfluss auf MDD ausüben, wobei der Einfluss von EPEA besonders ausgeprägt war. Die vorhandenen Daten sprechen für einen therapeutischen Nutzen von Omega-3 Fettsäuren zur ergänzenden Behandlung von Depressionen. Weitere Studien sind erforderlich, um die vorhandenen Erkenntnisse zu bestätigen und die Zusammenhänge zwischen n-3-PUFAS und dem Endocannabinoid-System weiter zu klären. Dabei ist es für die Praxis gut zu wissen, dass die westliche Diät arm an Omega-3 Fettsäuren ist und eine Supplementierung auch für Erkrankungen, die das kardiovaskuläre System betreffen, nicht schaden dürften. 

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quellen: Yang B et al. Clinical Efficacy and Biological Regulations of ω-3 PUFA-Derived Encocannabinoids in Major Depressive Disorder. Psychother Psychosom 2019; 88(4): 215-224
Iannotti FA et al. Enocannabinoids and endocannabinoid-related mediators: Targets, metabolism and role in neurological disorders. Prog Lipid Res 2016 Apr; 62: 107-128
Lin PY et al. A meta-analytic review of polyunsaturated fatty acids compositions in patients with depression. Biol Psychiatry. 2010 Jul; 68(2): 140-147
Lin PY et al. Are omega-3 fatty acids antidepressants or just mood-improving agents? Mol Psychiatry 2012 Dec; 17(12): 1161-1163
Su KP et al. Omega-3 Polyunsaturated Fatty Acids in Prevention of Mood and Anxiety Disorders. Clin Psychopharmacol Neurosci 2015 Aug 31; 13(2): 129-137
Larrieu T et al. Nutritional n-3 polyunsaturated fatty acids deficiency alters cannabinoid receptor signaling pathway in the brain and anxiety-like behavior in mice. J Physiol Biochem 2012 Dec; 68(4): 671-681

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