Vitamin C und der Krebs. Hatte Linus Pauling doch Recht?

Nachdem Linus Pauling den Chemie-Nobelpreis und den Friedensnobelpreis erhalten hatte, begann er, sich im Rentenalter mit Vitamin C zu beschäftigen, dem er in hohen Dosen neben der die allgemeine Gesundheit und die Infekt-Resistenz steigernden Wirkung auch anti-tumoröse Eigenschaften zuschrieb. Pauling hielt die für Erwachsene als ausreichend angesehene Dosierung von 50 bis 100 mg pro Tag für zu gering, um eine optimale Wirkung zu entfalten. Seine Ansichten und seine Vitamin C-Studien wurden allerdings von der Wissenschaft nicht ernst genommen, da die von ihm vermuteten Wirkungen in mehreren klinischen Studien nicht nachgewiesen werden konnten.

Eine aktuell in der Zeitschrift Science publizierte Untersuchung lässt jetzt aber auf Grund neuer molekular-biologischer Befunde vermuten, dass Vitamin C tatsächlich eine anti-tumoröse Wirkung aufweist. Vor einigen Jahren konnte Yun als Student an der Johns Hopkins Universität zeigen, dass das Wachstum von Kolon-Krebszellen (und auch anderen Krebszellen) durch Mutationen in zwei Genen, dem KRAS- und dem BRAF-Gen, getrieben wird.

Das KRAS-Gen wirkt als ein molekularer Schalter, der die Bildung von Eiweißen anregt oder beendet. Veränderungen in diesem Gen (Mutationen) führen zu einer ungesteuerten Eiweißbildung (Protein-Synthese), die mit der Entwicklung von Adeno-Karzinomen der Lunge, des Kolons, der Gallenwege und der Bauchspeicheldrüse assoziiert ist.

Das BRAF-Gen ist an der Steuerung des Zellwachstums beteiligt. BRAF-Mutationen können ererbt werden und Missbildungen verursachen. Später auftretende Genveränderungen können zu Krebs führen. BRAF-Mutationen treten in unterschiedlichen Krebs-Arten mit unterschiedlicher Häufigkeit auf. Mehr als 80% in Naevi und Melanomen, weniger häufig in anderen Krebs-Arten (0-18%)

Bereits vor einigen Jahren fiel Yun in experimentellen Untersuchungen auf, dass die mutierten und aktivierten KRAS- und BRAF-Gene zur Bildung einer ungewöhnlich großen Menge eines Eiweißes (GLUT 1- ein Transmembran-Protein) führen, das Glucose über die Zellmembran transportiert. Der GLUT 1-Transporter ( Gen SLC2A 1) versorgt die Säugetier-Zellen unabhängig von Insulin mit Glucose. Gleichzeitig transportiert GLUT 1 auch oxidiertes Vitamin C (dehydro-ascorbinsäure – DHA) in die Zellen. Yun et al. berichten in ihrer aktuellen Studie, dass intra-zelluäres DHA über verschiedene metabolische Interaktionen zu einem Anstieg freier Radikale und zu einer Hemmung des Glucose-Stoffwechsels führt. Zellen, die mit DHA geflutet werden, sind deshalb in ihrem Energiestoffwechsel beeinträchtigt. In der Gewebekultur konnte an Zellen mit KRAS- und BRAF-Mutationen nachgewiesen werden, dass hohe Vitamin C-Dosen zum Anstieg freier Radikale führen. Hierdurch scheint ein Enzym (glyceralaldehyd 3-phosphat dehydrogenase – GAPDH) inaktiviert zu werden, das zur Energiegewinnung für den intra-zellulären glykolytischen Stoffwechsel der KRAS- oder BRAF-mutierten Zellen von großer Bedeutung ist. Die Glykolyse ist die erste Stufe der Energiegewinnung aus Glucose. Sie läuft ohne Sauerstoff ab. Die von hohen Vitamin C-Dosen betroffenen Zellen hungern in Folge des Energiemangels und sterben unter Umständen ab. Die Beobachtungen an der Gewebekultur konnten im Tierexperiment bestätigt werden. Ob diese Untersuchungs-Ergebnisse auch erfolgreich auf den krebskranken Menschen übertragen werden können, bleibt abzuwarten. Da Vitamin C für den Menschen nicht toxisch ist, darf man davon ausgehen, dass es bald kontrollierte klinische Studien zu diesem Thema geben wird, die hoffentlich mehr Klarheit in die Therapie mit Vitamin C bei Krebserkrankungen bringen werden.

Die Gabe von Vitamin C zur Tumortherapie hat eine kontroverse Geschichte. Während in einigen klinischen Studien ein Nutzen nachgewiesen werden konnte, konnte dieser in anderen Studien nicht bestätigt werden. Diese Diskrepanz kann zumindest teilweise auf die Art der Vitamin C-Zuführung zurückgeführt werden. Im Rahmen der oralen Vitamin C-Therapie können im Gegensatz zur parenteralen Therapie keine für die Krebszellen zytotoxischen Konzentrationen erreicht werden.

Vitamin C ist mit den aktuellen molekularbiologischen Forschungsergebnissen wieder in den Fokus der Krebsforschung gerückt. Noch gibt es keine belastbare Evidenz für den Einsatz von oralem oder intravenös appliziertem Vitamin C in der Behandlung von Krebserkrankungen. In einer tierexperimentellen Studie am Mäusemodell konnte für den Eierstock-Krebs gezeigt werden, dass hohe parenterale Vitamin C-Gaben die Empfindlichkeit gegenüber der konventionellen Chemotherapie steigern und die Toxizität verringern. In einer aktuellen Meta-Analyse von 18 Kohorten- oder Fallkontroll-Studien (103.658 Probanden) wurde ein diätetischer Zusammenhang zwischen Vitamin C und dem Prostata-Krebs-Risiko nachgewiesen. In einer weiteren Meta-Analyse observationaler Studien zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Pankreas-Krebs-Risiko und der Vitamin C-Aufnahme. 

Ob sich diese ermutigenden Ergebnisse in prospektiven, kontrollierten klinischen Studien bestätigen lassen, bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten. Noch ist es zu früh, Krebskranken Vitamin C zu empfehlen.

Es könnte aber sein, dass Linus Pauling mit seinen Beobachtungen Recht behält und Vitamin C als therapeutische Option einen Platz in der Krebstherapie bekommt. Er selbst ist im Alter von 93 Jahren an Krebs verstorben.

Text: Dr. med. Jürgen Hower, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Quelle: Kaiser, J. Oncology. Vitamin C could target some common cancers. Science 2015 Nov 6, 350(6261): 619  
Yun, J et al. Vitamin C selectively kills KRAS and BRAF mutant colorectal cell by targeting GAPDH.  Scienc 2015 Nov 6, pii: aaa5004. (Epub ahead of print)
Ma, Y et al. High-Dose Parenteral Ascorbate Enhanced Chemosensitivity of Ovarian Cancer and Reduced Toxicity of Chemotherapy. Sci Transl Med 2014 Feb 5, 6(222): 222ra 18
Bai, XY et al. Association between Dietary Vitamin C Intake and Risk of Prostate Cancer: A Meta-analysis Involving 103,658 Subjects. J Cancer 2015 Jul 28, 6(9): 913-21
Fan, H et al. Association between vitamin C intake and the risk of pancreatic cancer: a meta-analysis of observational studies. Sci Rep 2015 Sep 11, 5: 13973

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